Das Buch vom Tee - Kakuzo Okakura

Der Tee ist ein Kunstwerk und braucht Meisterhände, um seine edelsten Eigenschaften zur Geltung zu bringen. Es gibt guten und schlechten Tee, wie es gute und schlechte Bilder gibt -- meistens schlechte. Es gibt kein bestimmtes Rezept für die Bereitung vollkommenen Tees, wie es ja auch keine Normen für die Erschaffung eines Tizians oder Sessons gibt. Jede Art, die Teeblätter herzurichten, hat ihre Individualität, ihr besonderes Verhältnis zu Wasser und Wärme, hat ihre Erbschaft an Erinnerungen und weiß höchsteigen ihre Geschichte zu erzählen. Aber das wahrhaft Schöne muß ihr stets innewohnen. Wieviel müssen wir nicht leiden durch das fortgesetzte Unvermögen der Gesellschaft, dieses einfache Grundgesetz von Kunst und Leben zu erkennen. Der Sung-Dichter Li Chih-lai hat einmal traurig gesagt: »Drei Dinge auf dieser Welt sind höchst beklagenswert: das Verderben bester Jugend durch falsche Erziehung, das Schänden bester Bilder durch gemeines Begaffen und die Verschwendung besten Tees durch unsachgemäße Behandlung.«

Kakuzo Okakura - Das Buch vom Tee - Die Schulen des Tees.

Wie die Kunst, so hat auch der Tee seine Perioden und seine Schulen. Seine Entwicklung läßt sich kurzerhand in drei Hauptabschnitte einteilen: In die des gekochten Tees, in die des geschlagenen Tees und in die des gebrühten Tees. Wir Menschen von heute gehören zur letzten Schule. Diese verschiedenen Methoden, das Getränk zu würdigen, sind charakteristisch für den Geist der Zeitalter, in dem sie herrschten. Denn Leben ist ein Sich-Ausdrücken, unser unbewußtes Handeln ist ein dauerndes Aufdecken innerster Gedanken. Konfuzius sagt einmal, »Menschen können sich nicht verbergen«. Vielleicht offenbaren wir uns viel zu viel im Kleinen, weil wir im Großen nichts zu verbergen haben. Die winzigen Alltagsbegebenheiten des Lebens sind nicht minder Ausdruck der Rassenideale als die höchsten Flüge von Philosophie und Dichtung. So wie die verschiedenen Lieblingsgetränke die Eigenheiten der verschiedenen Zeitläufte und Nationalitäten Europas kennzeichnen, so sind auch die jeweiligen Tee-Ideale bezeichnend für die Gefühlsperioden der östlichen Kultur. Der Teekuchen, der gekocht wurde, der Pulvertee, der geschlagen wurde, und der Blättertee, der gebrüht wurde, bringen die scharf voneinander geschiedenen Gefühlsimpulse der T'ang-, der Sung- und der Ming-Dynastie zum Ausdruck. Wollten wir für unsere Zwecke die vielgeschmähte Terminologie der Kunstklassifizierung entlehnen, so könnten wir sie als klassische, romantische und naturalistische Schule des Tees bezeichnen.

 

 

Die in Südchina heimische Teepflanze war schon von altersher der chinesischen Botanik und Medizin bekannt. Sie wird von den Klassikern mit den verschiedensten Namen als T'u, Sheh, Ch'uan, Kia und Ming bezeichnet und war hochgeschätzt wegen ihrer Eigenschaften, Mattigkeit zu lindern, den Willen zu stärken und Sehkraft wiederzugeben. Sie wurde nicht nur als innere Medizin, sondern häufig auch äußerlich angewandt in der Form von Pasten gegen rheumatische Schmerzen. Die Taoisten erklären sie sogar für einen wichtigen Bestandteil des Elixiers der Unsterblichkeit. Die Buddhisten bedienen sich ihrer in ausgiebiger Weise als Mittel gegen Schläfrigkeit in den langen Stunden ihrer Meditation. Mit dem vierten und fünften Jahrhundert wurde der Tee Lieblingsgetränk der Bewohner des Yang-tze-kiang-Tales. Etwa um diese Zeit wurde auch das moderne Ideogramm Ch'a geprägt, offenbar in Korrumpierung des klassischen »T'u«. Die Dichter der südlichen Dynastien haben uns eine Reihe von Fragmenten hinterlassen, die von ihrer glühenden Verehrung für den »Schaum vom flüssigen Nephrit« zeugen. Damals pflegten auch die Kaiser ihre hohen Minister zum Dank für hervorragende Verdienste mit seltenen Rezepten der Teeblätterbereitung zu belohnen. Dennoch war die Art des Teetrinkens um diese Zeit noch äußerst primitiv. Die Blätter wurden gedämpft, im Mörser zerstoßen, zu einem Kuchen geformt und zusammen mit Reis, Ingwer, Salz, Apfelsinenschalen, Gewürzen, Milch und mitunter sogar Zwiebeln gekocht! Dieser Brauch hat sich bis auf den heutigen Tag bei den Tibetanern und einzelnen mongolischen Stämmen erhalten, die sich aus diesen Bestandteilen einen seltsamen Sirup brauen. Auch der Gebrauch von Zitronenscheiben bei den Russen, die das Teetrinken in den chinesischen Karawansereien lernten, scheint ein Überrest dieser alten Sitte zu sein.

Kakuzo Okakura - Das Buch vom Tee - Die Schulen des Tees.

Es bedurfte des Genies der T'ang-Dynastie, um den Tee aus diesem rohen Zustand zu befreien und ihn seiner schließlichen Idealisierung entgegenzuführen. In Luh Yü -- um die Mitte des achten Jahrhunderts -- finden wir den ersten Apostel des Tees. Er wurde zu einer Zeit geboren, da Buddhismus, Taoismus und Konfuzianismus ihre gemeinsame Synthese suchten. Der pantheistische Symbolismus der Zeit drängte darauf hin, das Allgemeine im Besonderen zu spiegeln. Luh Yü, der Dichter, erkannte in der Teebereitung die gleiche Harmonie und Ordnung, die in allen Dingen herrscht. In seinem berühmten Werk, dem »Ch'a-king«, der Heiligen Schrift vom Tee, schuf er sein Gesetzbuch. Seither wird er denn auch von den chinesischen Teehändlern als ihre Standesgottheit verehrt.

 

Das »Ch'a-king« besteht aus drei Bänden und zehn Kapiteln. Im ersten Kapitel spricht Luh Yü von der Natur der Teepflanze, im zweiten von den zum Sammeln der Blätter erforderlichen Geräten, im dritten von ihrer Auslese. Nach Luh Yü muß die beste Sorte Teeblätter »Falten zeigen wie die Lederstiefel der tartarischen Reiter, sich zusammenrollen wie die Wamme eines gewaltigen Stiers, sich entfalten wie Nebel, die einer Schlucht entsteigen, leuchten wie ein vom Zephirhauch berührter See, und feucht und weich sein wie feine, eben erst vom Regen bespülte Erde«.

 

Das vierte Kapitel ist der Aufzählung und Schilderung der vierundzwanzig Teile des Teegerätes gewidmet. Es beginnt mit der dreibeinigen Kohlenpfanne und endet mit dem Bambusschränkchen, das alle diese Utensilien enthält. Hier offenbart sich Luh Yüs Vorliebe für den Symbolismus der Taoisten. In diesem Zusammenhang ist es interessant, den Einfluß des Tees auf die Keramik zu beobachten. Die Porzellankunst Chinas geht aus von dem Versuch, den wundervollen Ton des Nephrits nachzuschaffen, und vollendet sich zur Zeit der T'ang-Dynastie in der blauen Glasur des Südens und der weißen Glasur des Nordens. Luh Yü hielt Blau für die ideale Farbe der Teetasse, da es das Grün des Getränkes noch verstärke, während Weiß den Trank bläßlich rot und abstoßend erscheinen lasse. So sah er es, weil er sich noch des Teekuchens bediente. Später, als die Teemeister der Sung-Periode den gepulverten Tee gebrauchten, zogen sie schwere blauschwarze und dunkelbraune Schalen vor. Die Ming mit ihrem gebrühten Tee dagegen liebten das leichte, weiße Porzellan.

Kakuzo Okakura - Das Buch vom Tee - Die Schulen des Tees.

In seinem fünften Kapitel schildert Luh Yü die Art der Teebereitung. Er verbannt alle Zutaten bis auf das Salz. Er verweilt auch bei der vielerörterten Frage nach der Wahl des Wassers und dem richtigen Grad, es zu kochen. Nach ihm ist das Quellwasser aus den Bergen das beste Wasser, dann folgen Flußwasser und das gewöhnliche Quellwasser. Beim Kochen nennt er drei Grade: den ersten, wenn kleine Blasen wie Fischaugen auf der Oberfläche erscheinen; den zweiten, wenn die Blasen wie Kristallperlen in einem Brunnen rinnen; den dritten, wenn die Wogen im Kessel sich wild aufbäumen. Der Teekuchen wird vor dem Feuer geröstet, bis er weich ist wie ein Kinderarm, und dann zwischen zwei Stücken feinen Papiers zerrieben. Salz wird bei dem ersten Kochgrad, der Tee beim zweiten hineingetan. Beim dritten Grad wird ein Löffel kalten Wassers in den Kessel geschüttet, damit der Tee sich setze und die »Jugend des Wassers sich erneuere«. Dann wird das Getränk in die Tassen gegossen und getrunken. Welcher Nektar! Das duftige Blättchen hängt wie eine schimmernde Wolke am heiteren Himmel oder schwimmt gleich einer Wasserrose auf smaragdgrünem Fluß. So war der Trank, von dem Lo Tung, ein Dichter der T'ang-Zeit, schrieb: »Die erste Tasse feuchtet mir Lippen und Kehle. Die zweite zerbricht meine Einsamkeit, die dritte dringt mir ins unfruchtbare Gedärm, um dort nichts als einige fünftausend Bände wunderlicher Ideogramme zu finden. Die vierte Tasse bringt mich leicht in Schweiß -- das ganze Unrecht dieses Lebens zieht durch die Poren ab. Bei der fünften Tasse ist die Reinigung vollzogen; die sechste Tasse ruft mich in die Regionen der Unsterblichkeit. Die siebente Tasse -- ach, ich kann nicht weiter trinken. Ich liebe nichts als den kühlen Windhauch, der meine Ärmel hebt. Wo ist Horai-san [Das chinesische Elysium; chines. P'eng-lai-shan.]? Laßt mich auf diesem lieblichen Winde fahren und dorthin entschweben.«

 

Die anderen Kapitel des »Ch'a-king« handeln von der Gewöhnlichkeit der üblichen Methoden des Teetrinkens. Sie enthalten einen historischen Überblick über die großen Teetrinker und die berühmten Teeplantagen Chinas, zählen die noch möglichen Variationen des Teezeremoniells auf und bringen Illustrationen der verschiedenen Teegeräte. Das letzte Kapitel ist unglücklicherweise verloren gegangen.

 

Das Erscheinen des »Ch'a-king« muß seinerzeit beträchtliches Aufsehen erregt haben. Luh Yü erfreute sich der Gunst des Kaisers T'ai-tsung (763-780), und sein Ruhm führte ihm zahlreiche Jünger zu. Von einigen Stutzern will man wissen, daß sie sogar den von Luh Yü bereiteten Tee von dem seiner Schüler zu unterscheiden vermocht hätten. Ja, es gibt einen Mandarin, dessen Name unsterblich geworden ist, weil er den Tee dieses großen Meisters nicht zu würdigen verstand.

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