Peter Handke - Gedicht an die Dauer

texte-zur-weihnachtszeit-anne-carson-geschenke-geschenkideen-art-gifts-online-shop-of-ideas. Schon lange will ich über die Dauer schreiben,  keinen Aufsatz, keine Szene, keine Geschichte –  die Dauer drängt zum Gedicht.
Schon lange will ich über die Dauer schreiben,  keinen Aufsatz, keine Szene, keine Geschichte –  die Dauer drängt zum Gedicht.

Gedicht an die Dauer

 

 

Schon lange will ich über die Dauer schreiben,

keinen Aufsatz, keine Szene, keine Geschichte –

die Dauer drängt zum Gedicht.

Will mich befragen mit einem Gedicht,

mich erinnern mit einem Gedicht,

behaupten und bewahren mit einem Gedicht,

was die Dauer ist.

Immer wieder habe ich die Dauer erfahren,

im Vorfrühling an der Fontaine Sainte-Marie,

im Nachtwind an der Porte d’Auteuil,

in der Sommersonne des Karstes,

im vormorgendlichen Heimweg nach einem

Einssein.

 

Diese Dauer, was war sie?

War sie ein Zeitraum?

Etwas Meßbares? Eine Gewißheit?

Nein, die Dauer war ein Gefühl,

das flüchtigste aller Gefühle,

oft rascher vorbei als ein Augenblick,

unvorhersehbar, unlenkbar,

ungreifbar, unmeßbar.

Und doch hätte ich, mit ihrer Hilfe,

welchen Widersacher auch immer

anlachen und ihn entwaffnen können,

hätte die Meinung,

ich sei ein böser Mensch,

umgewandelt in die Überzeugung:

»Er ist gut!«,

wäre, gäbe es einen Gott,

das Gefühl der Dauer lang dessen Kind

gewesen.

 

Noch gestern hörte ich auf dem Waagplatz in

Salzburg,

in dem Geschiebe und dem Gerassel des

immerwährenden Einkaufstags,

eine Stimme wie vom anderen Ende der

Stadt her

meinen Namen rufen,

begriff im selben Moment,

daß ich den Text der

Wiederholung,

mit dem ich zur Post unterwegs war,

am Marktstand vergessen hatte,

vernahm, zurücklaufend, jene andere Stimme,

welche vor einem Vierteljahrhundert,

in der Nachtstille eines Außenbezirkes von Graz,

vom anderen Ende der leeren langen geraden

Straße

ähnlich fürsorglich, wie von oben herab, mir

entgegenkam,

und konnte da das Gefühl der Dauer

umschreiben

als ein Ereignis des Aufhorchens,

ein Ereignis des Innewerdens,

ein Ereignis des Umfangenwerdens,

ein Ereignis des Eingeholtwerdens,

wovon?, von einer zusätzlichen Sonne,

von einem erfrischenden Wind,

von einem lautlosen, all die Mißtöne

zurechtstimmenden

und einigenden zarten Akkord.

»Tage währts, Jahre dauerts«:

Goethe, mein Held

und Meister des sachlichen Sagens,

du hast es wieder einmal getroffen:

Die Dauer hat mit den Jahren zu tun,

mit den Jahrzehnten, mit unserer Lebenszeit;

die Dauer, sie ist das Lebensgefühl.

ein Ereignis des Innewerdens,

ein Ereignis des Umfangenwerdens,

ein Ereignis des Eingeholtwerdens,

wovon?, von einer zusätzlichen Sonne,

von einem erfrischenden Wind,

von einem lautlosen, all die Mißtöne

zurechtstimmenden

und einigenden zarten Akkord.

»Tage währts, Jahre dauerts«:

Goethe, mein Held

und Meister des sachlichen Sagens,

du hast es wieder einmal getroffen:

Die Dauer hat mit den Jahren zu tun,

mit den Jahrzehnten, mit unserer Lebenszeit;

die Dauer, sie ist das Lebensgefühl.

Unnötig vielleicht, zu sagen,

daß keine Dauer ausgeht

von den täglichen Katastrophen,

den sich wiederholenden Widrigkeiten,

den neuaufflammenden Kämpfen,

dem Zählen der Opfer.

Der wie üblich verspätete Zug,

das dich wieder einmal mit dem Pfützendreck

überschüttende Auto,

der dich mit dem einen Finger

über die Straße winkende schnurrbärtige Polizist

– an der Stelle des glattrasierten von gestern –,

die alle Jahre an einer anderen Stelle

wiederkehrende Stinkmorchel im Gartendickicht,

der dich allmorgendlich anknurrende

Nachbarhund,

die mit jedem Winter neu aufjuckenden

Kinderfrostbeulen,

die immergleichen Schreckensträume

vom Verlorengehen der Liebsten,

das ewige plötzliche Einanderfremdwerden

zwischen zwei Atemzügen,

das Elend der Heimkunft ins Heimatland

nach deinen Weltforschungsreisen,

jene Myriaden vorweggenommener Tode

in der Nacht vor dem ersten Vogellaut,

die tägliche Attentatsnachricht im Radio,

das täglich niedergefahrene Schulkind,

die täglichen bösen Blicke des Unbekannten:

Das alles vergeht zwar nicht

– wird nie vergehen, wird nimmer aufhören –,

doch es hat keine Dauerkraft,

es strahlt nicht die Wärme der Dauer aus,

es gibt nicht die Tröstung der Dauer.

Notwendig dagegen, zu unterscheiden:

Auch »des Augenblicks erstaunenswerte

Wunder,

die sind es nicht, die das beglückende,

das ruhig mächtige Dauernde erzeugen . . . . . «.

 

★★★★

 

 

Peter Handke wird am 6. Dezember 1942 in Griffen (Kärnten) geboren. Die Familie mütterlicherseits gehört zur slowenischen Minderheit in Österreich; der Vater, ein Deutscher, war in Folge des Zweiten Weltkriegs nach Kärnten gekommen. Zwischen 1954 und 1959 besucht Handke das Gymnasium in Tanzenberg (Kärnten) und das dazugehörige Internat. Nach dem Abitur im Jahr 1961 studiert er in Graz Jura. Im März 1966, Peter Handke hat sein Studium vor der letzten und abschließenden Prüfung abgebrochen, erscheint sein erster Roman Die Hornissen. Im selben Jahr 1966 erfolgt die Inszenierung seines inzwischen legendären Theaterstücks Publikumsbeschimpfung in Frankfurt am Main in der Regie von Claus Peymann.Sein Werk wurde mit zahlreichen internationalen Preisen ausgezeichnet. Die Formenvielfalt, die Themenwechsel, die Verwendung unterschiedlichster Gattungen (auch als Lyriker, Essayist, Drehbuchautor und Regisseur ist Peter Handke aufgetreten) erklärte er selbst 2007 mit den Worten: »Ein Künstler ist nur dann ein exemplarischer Mensch, wenn man an seinen Werken erkennen kann, wie das Leben verläuft. Er muß durch drei, vier, zeitweise qualvolle Verwandlungen gehen.«

 

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