DER SCHEELE BLICK AUF ALLES - Hans G. Hödl

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“Ein Ressentiment liegt dann vor, wenn ein reaktives Gefühl  sich nicht Bahn brechen kann und dadurch habituell wird„

Der Begriff „Ressentiment“ bei Friedrich Nietzsche,

Max Scheler und Max Weber

Von Hans Gerald Hödl, Dozent am Seminar für Ästhetik an der Humboldt-Universität zu Berlin und am Institut für Religionswissenschaft der Universität Wien.

 

Ressentiment“, zunächst ein Ausdruck für alle reaktiven Gefühle (auch positive, wie etwa Dankbarkeit), bezeichnet heute nur solche, die ein „verhaltener, heimlicher Groll“ charakterisiert. Das Wort findet sich schon bei Montaigne, der den Unterschied zwischen bloßer Rache und Tötung des Gegners auf die Feigheit zurückführt. Will die erste einen nachhaltigen Eindruck im Gegner erzeugen, der ihn von zukünftigen Angriffen abhalt, entspringt die Tötungsabsicht gerade der Furcht vor einem solchen reaktiven Gefühl.

 

Friedrich W. Nietzsche gilt als derjenige Autor, derdem Begriff in seinerMoralkritik einen präzisen philosophischen Sinn gegeben hat. Er geht jedoch auf Eugen Dühring zurück, gegen dessen Ableitung der Gerechtigkeit aus dem Ressentiment sich Nietzsche gewandt hat. Stellt dieses Gefühl bei Dühring eine mechanische Reaktion dar, ist für Nietzsche derjenige Vorgang, den Freud später als „Verschiebung“ bezeichnet, sein Charakteristikum. Anstatt sofort auf eine Verletzung oder Beleidigung zu reagieren, aus einem Wissen um die eigene Stärke heraus, wird die Handlung aufgeschoben oder in Ersatzhandlungen verschoben. Kurz gesagt, konstruiert Nietzsche – am Paradigma des Anteilhabens am als Machtsteigerung aufgefassten Lebens orientiert - zwei Typen von menschlichen Handlungs- und Reaktionsweisen:

 

Falls sich im Leben die Stärkeren und Mächtigeren durchsetzen, werden sie in einer nach den Werten des aufsteigenden Lebens bestimmten Gesellschaft auch herrschen und in ihrem Verhältnis zu den Beherrschten nicht von Furcht bestimmt sein. Verletzen sie diese nun, dann aus einer Position der Stärke heraus, die nicht nochmals auf die eigenen Handlungen zu reflektieren braucht, in einer naiven Art und Weise. Den Beherrschten hingegen ist eine direkte Reaktion auf eine Verletzung durch einen Stärkeren aus ihrer Position der Schwäche heraus versagt. Sie werden ihre durch die Verletzung entstandenen negativen Gefühle in sich zurückhalten. Dadurch entsteht in ihnen aber auch erst so etwas wie eine seelische Tiefendimension. Sie werden reflektiert und – raffiniert. Eine bestimmte Art der Moral entspringt solcher Raffinesse, sie verschiebt den Racheimpuls und reagiert ihn symbolisch ab, etwa in der Vorstellung eines jenseitigen Gerichtes. Dadurch verfestigt sich aber der Gegensatz zwischen „ gut und schlecht“, der einer „vornehmen“ Moral entspringt, in denjenigen zwischen „gut und böse“, Während „gut und schlecht“ stets relativ ist, auf ein Individuum oder eine Gruppe bezogen, für die etwas „gut“ oder „schlecht“ ist, sagt der Gegensatz von „gut“ und „böse“, dass seine Glieder unterschiedslos auf alle Handlungen und Menschen, als ein sozusagen „ontologisches“ Prädikat angewandt Werden. Nietzsche macht das Ressentiment für die Etablierung eines solchen überzeitlich gültigen Wertekanons verantwortlich.

 

Gerechtigkeit hingegen fasst er als Ausgleich zwischen den Individuen resp, der Gemeinschaft und den ihr angehörenden Individuen auf, nach dem Paradigma des Verhältnisses von Schuldner und Gläubiger. Auf dieser Grundlage entwickelt sich erst eine zweite Form der Gerechtigkeit, die den Angreifer „objektiv“ im Sinne der Distanzierung des persönlichen Schadens betrachten kann. Dies meint eine andere Objektivität als die angebliche Objektivität der Moral, die eine allgemeine Regel aufstellt, unter der alle beurteilt werden. Ist diese auf der Grundlage des Eindrucks des Schädigers im Geschädigten, einer durch reaktive Gefühle verzerrten Wahrnehmung, entworfen, stellt jene das Resultat eines aktiven, positiven Affektes dar, der jenen Eindruck zu distanzieren vermag. Gerechtigkeit besteht also auch für Nietzsche in einem Aufheben des unmittelbaren Racheimpulses, aber aktiv und aus einer Position der Stärke heraus.

 

Diese Überlegungen werden zur Grundlage der Religionskritik im Spätwerk Nietzsches. Religionen, die den Schwerpunkt des Lebens ins Jenseits verlegen, entstammen demnach der Weltsicht lebensschwacher Individuen oder Gruppen. Ursprünglich stellen sie eine Art Hygiene für solche Seelen dar, indem diese durch asketische Abkehr vom Handeln in der Welt auch die Wurzeln der Vergiftung durch das Ressentiment in sich vernichten. So hat Nietzsche den Buddhismus und die ursprüngliche Predigt Jesu gesehen. Jesu Kreuzestod ist nur eine konsequente Folge der Abkehr von Machtansprüchen. Das entstehende Christentum habe aber nun, wie das Judentum des zweiten Tempels, aus dem Gefühl der Unterlegenheit heraus eine Lehre von einer endzeitlichen Umkehr der Machtverhältnisse zugunsten der „Schwachen“ entworfen. Die geschichtliche Macht des Christentums ist so gesehen gerade die Macht der Lebensschwachen, die ihr Ressentiment in ihrem Weltentwurf symbolisch - und in weiterer Folge nicht nur symbolisch - abarbeiten.

 

Hat Nietzsche die Analyse des Ressentiment mehr strategisch für seine Religionskritik gebraucht, so wurde von Max Scheler eine umfassende Studie dieser Gefühlsarten durchgeführt. Ihmzufolge handelt es sich beim Ressentiment um „eine seelische Selbsrvergífiung mit ganz bestimmten Ursachen und Folgen“. Es ist eine „dauernde psychische Einstellung“, und sie entspringt laut Scheler aus einer „Zurückdrängung von Entladungen“ an sich normaler „Gemütsbewegungen und Affekte“. Unter diese Gemütsbewegungen rechnet er etwa den Racheimpuls, Hass, Neid und Scheelsucht. Dieses Gefühl führt nun zu einer „Werttäuschung“, einem Fehler im Erfassen von Werten.

 

Ein Ressentiment liegt dann vor, wenn ein reaktives Gefühl sich nicht Bahn brechen kann und dadurch habituell wird. Schelers Analyse schließt sich hier sehr eng an Nietzsche an. Er hebt weiters an der Rache, aber auch am Neid und anderen reaktiven Affekten hervor, dass diese am ehesten habituell werden, wenn sie sich auf Zustände beziehen, die dem Willen des Einzelnen entzogen sind. In diesem Zusammenhang führt er das Beispiel des Krüppels an, dem schon seine bloße Existenz als Behinderter ein Anlass zu Rache respektive zum Neid auf solche ist, die ihm physisch überlegen sind. Hier zeigt sich, dass das Ressentiment auf einer bestimmten Art des Wertvergleichens beruht, das die ressentimentbehafteten Menschen von einer Entwertungstendenz bestimmt sein lässt.

 

Als weiteres Beispiel für eine verfestigte Ressentimenthaltung bringt er den Typus der „Ressentimentkritik“, dem es weniger auf die tatsächliche Änderung der Zustände, die kritisiert werden, als auf die Kritik selbst ankornme. Scheler unterscheidet eine „vornehme“ von einer „gemeinen“ Art des Wertens. Eine laut Scheler „vornehme“ Haltung in der Erfassung des anderen besteht darin, den Wert schon „vor“ dem Vergleich zu erfassen. Damit meint er, dass aufgrund eines sicheren Selbstwertgefühles der andere sozusagen an sich aufgefasst wird. Darin liegt eine Nähe zu Nietzsches „objektiver Gerechtigkeit“, die gerade vom Bezug des Schädigenden auf den Geschädigten absieht. Bei Scheler handelt es sich darum, dass der Wert des anderen, etwa eine be-stimmte Fähigkeit, die dieser besitzt und zu einem hohen Grad entwickelt hat, an sich erfasst wird. Eine zweite Art des Wertvergleichs erfasst den Wert des anderen nur aus der Relation auf das eigene Wertgefühl heraus, es wird also zunächst nur e negativo erfasst, dass man selbst diese Fähigkeit weder besitzt noch entwickelt hat. Diese letzte Haltung kann man lt, Scheler nun entweder als Streber oder als ressentimentgesteuerter Mensch einnehmen. Der Streber ist dabei die vergleichs-weise kraftvolle Variante. Er sucht energisch und kraftvoll nach bestimmten Gütern zu streben. Es macht ihn nun zum Streber, dass nicht die angestrebte Sache um ihrer selbst Willen erstrebt wird, sondern dass es ihm in erster Linie um die Geltung seiner Person im Unterschied zu anderen geht. Eine von einem solchen Typus geprägte Gesellschaft ist Scheler zufolge vom Konkurrenzdenken beherrscht.

 

“Ein Ressentiment liegt dann vor, wenn ein reaktives Gefühl

sich nicht Bahn brechen kann und dadurch habituell wird„

 

Der Ressentimenttyp nimmt nun dieselbe Art von Wertvergleich wie der Streber vor, mit dem Unterschied, dass er ihn aus einer Position der Ohnmacht, der Schwäche heraus vollzieht, die ja lt. Nietzsche und Scheler zum Ressentiment prädisponiert. Der Ausweg zur Lösung der dadurch entstehenden Spannung, den der Streber in der aktiven Arbeit an der Steigerung seines Selbstwertgefühls hat, bleibt dem „Ohnmächtigen“, dem Schwachen, versperrt und somit kann er, um zu einem Ausgleich zwischen sich und den aufgefassten Werten zu kommen, nur letztere entwerten. Es entsteht der scheele Blick auf alles, was man selbst nicht haben oder leisten kann.

 

Gegen Nietzsche nimmt Scheler in der Wertung der christlichen Moral Stellung. Seiner Ansicht nach ist das Priestertum als Vertreter der Religion in der Welt zwar anfällig für die Abwertung alles Weltlichen, aber dies sei nicht notwendig so. Er nimmt also die radikale Kritik Nietzsches am Priestertum, die dessen Religionskritik bestimmt, zurück. Weiters erblickt er im Christentum einen Fortschritt gegenüber der griechischen Konzeption des Göttlichen. Ginge es dort, etwa im Platonismus, um persönliche Vervollkommnung als Angleichung an das Göttliche, habe gerade das Christentum eine Konzeption des Absoluten entwickelt, in der dieses aus freiem Entschluss und Lebensfülle sich gnadenhaft dem Menschen zuwende.

 

Daraus folge eine Umkehr in der Idee der Liebe: Aus der Erfahrung der Geborgenheit im Göttlichen wende sich der Christ liebend dem Kleinen, Erbärmlichen, Schwachen zu, nicht weil es klein, erbärmlich, schwach ist, sondern weil das darin noch Gesunde, Starke und Ganze gestärkt werden soll. Die auf die zu erreichende Identifikation mit dem Göttlichen hin angelegte Selbstver-vollkommnung des antiken Menschen hingegen, der Lebensangst eigne, fürchte aus dieser Haltung heraus den Kontakt mit dem Kleinen, Erbärmlichen und Schwachen.

 

Max Weber dagegen folgt Nietzsche in seiner Anwendung des Ressentimentbegriffes zur Typisierung der Religionen, und zwar weiter, als ihm selbst bewusst ist. Denn er meint fälschlicherweise, dass Nietzsche auch den Buddhismus als Ressentimentreligion einordnet, Ebenso übersieht Weber die Unterscheidung die Nietzsche zwischen der Botschaft Jesu und der nach dem Kreuzestod entstandenen ressentimenthaften Verkündigung der Apostel, insbesondere aber des pau-linischen Christentums macht.

 

Er bringt also Einschränkungen an Nietzsches Ressentiment-Lehre an, die dieser selbst schon vorgenommen hat. Innerhalb seiner Typologie der Erlösungsreligion macht er allerdings einen Unterschied zwischen dem Judentum des zweiten Tempels und der indischen Erlösungshoffnung innerhalb des Kastensystems, die Nietzsches Favorisierung des Letzteren nahe zu kommen scheint. Ähnlich wie Scheler betont er dabei auch, dass die Überzeugung von der Schicksalhaftigkeit der eigenen Situation im Sinne des unverdienten schlechten Loses dem Ressentiment zugrunde liege.

 

 

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Hans Gerald Hödl geboren am 29. August 1959 in Sankt Sebastian (Steiermark)) ist ein österreichischer Religionswissenschaftler. Hödl studierte römisch-katholische Theologie und Philosophie an der Universität Wien und wurde 2003 an der Humboldt-Universität zu Berlin für das Fach Kulturwissenschaft habilitiert. Seit 2009 ist Hödl außerordentlicher Professor für Religionswissenschaft an der Universität Wien. Zu seinen Schwerpunkten in Forschung und Lehre gehören westafrikanische und afroamerikanische Religionen, Ritualtheorie, Religionsästhetik, Religionskritik, die Himmlische Kirche Christi und die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage. Er ist Mitherausgeber der Abteilung I der historisch-kritischen Gesamtausgabe der Werke Friedrich Wilhelm Nietzsches.

 

 

 

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