Wa(h)re Kunst

WARUM KUNST - BEREICHERT KUNST > PRIMAT DER FORM - KUNST VERSCHOENERT > KUNST

Je weiter das Leben hineingleitet ins Reich des Digitalen, je weiter sich die Pods und Pads verbreiten und alles betatscht und nur noch wenig begriffen wird, desto mehr wächst bei vielen Menschen das Bedürfnis nach dem Hier und Jetzt. Hanno Rauterberg

Die Kunst des Möglichen

Warum Kunst – Bereichert Kunst?

Im Sinn von Wissen, Erkennen, Erkenntnis, Einsicht. Ausgehend von der Philosophie der Antike, beispielhaft die „Hebammenkunst“ des Sokrates, wurde der Begriff Kunst seit dem 16. Jahrhundert nicht nur zur Beschreibung eines Wissens gebraucht, der Begriff wird ebenso synonym für Philosophie, aber auch die (Natur-)Wissenschaften verwendet.

 

Wa(h)re Kunst - Als wertneutraler Begriff sind Ideologien ausformulierte, „erstarrte Leitbilder“ sozialer Gruppen oder -Organisationen, die zur Begründung und Rechtfertigung ihres Handelns dienen – ihre Ideen, Erkenntnisse, Kategorien und Wertvorstellungen. Ideologie fühlt sich am wohlsten in Phrasen. Im gesellschaftlichen Sinn werden aus solchen „erstarrten Lehrmeinungen“ ideologische Normen, von denen die Mehrzahl der Beteiligten zutiefst überzeugt sind. Die Phrase ist die stetige Begleiterin des abgeleiteten Denkens. Sie ist Ausgesprochenes, aber nicht Gedachtes, bewusstloser Reflex, der bloß davon zeugt, was der Fall ist. Kunst solle „den Finger auf die Wunde legen“, „sich kein Blatt vor den Mund nehmen“, sind solche Phrasen im Bereich der Kunst.

 

Das Wort Kunst bezeichnet im weitesten Sinne jede entwickelte Tätigkeit, die auf Wissen, Übung, Wahrnehmung, Vorstellung und Intuition gegründet ist (Heilkunst, Kunst der freien Rede). Im engeren Sinne werden damit Ergebnisse gezielter menschlicher Tätigkeit benannt, die nicht eindeutig durch Funktionen festgelegt sind. Kunst ist ein menschliches Kulturprodukt, das Ergebnis eines kreativen Prozesses.

 

Sie erhebt nicht den Anspruch, etwas zu bewirken, sondern geht aus der Auseinandersetzung mit dem künstlerischen Material, aus der Ablehnung oder der Bewunderung der Vorgänger/innen hervor. Auch solche Kunst ist nicht absichtsloser Selbstzweck, doch die hinter ihr stehenden Beweggründe sind persönlicher, diffuser und nicht einfach kreativ ausgestaltete Intention, Engagement.

 

Primat der Form – Kunst verschönert

Die heutige Bedeutung des Wortes hat sich dadurch entwickelt, dass zusätzlich der lateinische Begriff ars mit „Kunst“ ins Deutsche übersetzt wurde (Lehnbedeutung), beispielsweise in ars vivendi. Besonders seit der Neuzeit wird der Begriff zunehmend mehrdeutig, weil neben alten Verwendungen des Wortes - im Sinne von „Lehre, Wissen“ - neue auftreten - im Sinne des Plurals Künste als „Kunstgattung“, etwa autonome bzw. schöne Künste.

 

Das Kunstwerk steht meist am Ende dieses Prozesses, kann aber seit der Moderne auch der Prozess selbst sein. Vor allem erscheint vor dem Hintergrund dieser Überlegungen die Frage nach der Botschaft eines Werkes, das berühmte „Was will uns der Künstler sagen?“, unwichtiger. Die Intention spielt noch dort eine Rolle, wo sie ins Werk eingegangen ist, also wo sich Persönliches als Verallgemeinertes zeigt und eine Reflexion darauf hervorruft.

 

 

Kunst provoziert - Immer diese Kunst

Hans Blumenberg hat den Wesenszug der Technik (wie auch der Kultur überhaupt) folgendermaßen charakterisiert:

Die künstliche Realität, der Fremdling unter den vorgefundenen Dingen der Natur, sinkt an einem bestimmten Punkte zurück in das ›Universum der Selbstverständlichkeiten', in die Lebenswelt [...].

Die „theoretische Haltung“ jedoch, in der uns etwas als Gegestand vorgestellt wird, wurde aber gerade evoziert durch diejenigen Widerfahrnisse, die Anlass zu jener entlastenden Kulturalisierung gaben. Warum sollte eine technisierte Lebenswelt problematischer sein als eine ursprüngliche, die uns aufgrund der Widerfahrnisse der Natur dazu verurteilte, eine theoretische Haltung einzunehmen, die Blumenberg mit Edmund Husserl zutreffend in ihrer Technomorphizität charakterisiert - »Methoden als verlässliche Maschinen«, wenn sie nur selbstverständlich ist?

 

Das Skandalon einer solchen Selbstverständlichkeit ist, in den Worten Blumenbergs, die Verabschiedung der Vemunft zugunsten einer Überantwortung an den technisch-vorstellenden Verstand, ein vorstellendes Denken, das selbst in seiner Vorstellung von „Natur“ nicht mehr dessen gewahr wird, dass diese „Natur“ bereits Ergebnis eines technomorphen Weltverhältnisses ist. Vernunft als das Vermögen der Herstellung eines Weltbezuges, wird „inkonsequent“, wenn sie sich dem solchermaßen hergestellten Bezug unterordnet: Auf dem Wege der Technik produziert sie ihre eigene Heteronomie nicht als eine infolge des Unterliegens unter „Sachzwänge“, „Amortisationsdruck“ oder beständiges „Krisenmanagement“ dies alles sind Oberflächen- phänomene, sondern als eine, die sich fortan in den Möglichkeiten des Verstandes bewegt und sich dem „Anspruch“ der Vernunft entzieht. Dadurch werde das menschliche Handeln „zunehmend unspezifisch“, „homogenisiert“ und reduziert auf Veranlassung. Wie aber, wenn jenes Sich-Überlassen an die Möglichkeiten „unreflektierter Wiederholbarkeit“ nicht als Sinnverlust, sondern als bewusster „Sinnverzicht” zu erachten wäre?

 

Ein solcher Sinnverzicht wiederum beinhaltet eine höherstufige Kontingenzerfahrung, aus der durchaus - so Blumenberg - eine neue Position der Vemünftigkeit resultieren könnte: Denn sofern Heteronomie nicht mehr mit Sinn versehen wird (das ist der Ertrag der Husserlschen Aufklärung), kann sie zum Stimulans einer Vemünftigkeit werden, die, da ein ursprünglicher Sinn nicht mehr unterstellt wird, sich neu als Sinnkonstituens erfahren müsse. Dann wäre dieser höherstufigen Kontingenz ein Positivum abzugewinnen, welches jenseits des kulturpessimistischen oder des kulturoptimistischen (Paradies-)Szenarios liegt. Für „Kultur“ als Medium der Orientierung bedeutete dies einen Dreischritt: Ihre ursprüngliche Funktion für ein reflexives Orientieren, ein Sich-Orientieren des Handelnden ist überführt in die kulturelle Selbstverständlichkeit, die transitív orientiert. Wird diese Orientierung, die gegeben ist, als kontingent erfahren, erwächst eine neue Option für reflexives Orientieren: in dieser oder einer anderen Kultur?

 

Zum Ende ein Hegel-Zitat, das Adorno seiner „Philosophie der neuen Musik“ als Motto voranstellt: „Denn in der Kunst haben wir es mit keinem Bloß angenehmen oder nützlichen Spielwerk, sondern […] mit einer Entfaltung der Wahrheit zu thun.“

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