Texte zur Kunst

JAUME PLENSA > MARC DESGRANDCHAMPS > FABRICE HERGOTT > EDWARD HOPPER > SCHMID

Art & Gifts - Texte zur Kunst

Philosophie im 21. Jahrhundert?

Die  Zukunft  der  philosophischen und ästhetischen Möglichkeiten  liegt auch in der Vergangenheit: „je weiter das Leben hineingleitet ins  Reich  des Digitalen, je weiter sich die Pods und Pads  verbreiten  und alles betatscht und nur noch wenig begriffen wird, desto mehr wächst bei vielen Menschen  das  Bedürfnis  nach  dem  Hier  und  Jetzt.“

Hanno Rauterberg

Am Anfang steht eine Frage.
Außer den Theologen und den Vertretern der phantastischen Literatur werden nur wenige daran zweifeln, dass die Hauptzüge unseres Universums ein tiefer Mangel an Sinn und das Fehlen jeden erkennbaren Zwecks sind. Und doch sammeln wir unermüdlich, mit verblüffendem Optimismus, jeden Schnipsel Information, den wir bekommen können, in Schriftrollen und Büchern und Computerchips, Regalbrett um Regalbrett, ob materiell, virtuell oder in welcher Gestalt auch immer, versuchen verzweifelt, der Welt einen Anschein von Sinn und Ordnung zu geben, obwohl wir doch haargenau wissen, dass – auch wenn wir noch so gern das Gegenteil glauben möchten – all unsere Unternehmungen zum Scheitern verurteilt sind.

Alberto Manguel, die Bibliothek bei Nacht

Mehr anzeigen > > 

 

Jaume Plensa

The architecture of our bodies is the palace for our dreams

 

 

 

Jaume Plensa, 23. August 1955 in Barcelona geboren, ist ein spanischer Bildhauer und Künstler aus Katalonien. Plensa lebt und arbeitet in Barcelona, wo 1986 seine erste Ausstellung stattfand. Er unterrichtete unter anderem auch an der École nationale supérieure des beaux-arts de Paris. Seine Werke wurden in zahlreichen Museen und Galerien auf der ganzen Welt ausgestellt.

Reisen im perspektivischen Bildraum als Reisen in der Zeit

Marc Desgrandchamps geboren 1960

Marc Desgrandchamps, geboren 1960, lebt und arbeitet in Lyon. Seine Werke wurden in zahlreichen nationalen und internationalen Ausstellungen präsentiert, u. a. in der Fondation Salomon (2013), im Musée d’Art Moderne, Paris (2011), in der Dialogue Space Gallery, Peking (2011), im Musée Baron Martin, Gray (2007), in der Kunsthalle Budapest (2005), im Muzeul National de Arta al Romaniei, Bukarest (2005), im Musée d’art Contemporain, Lyon, im Musée de l’Abbaye Sainte-Croix, Les Sables d’Olonnes (2004) und im Centre George Pompidou (1995).

 

Weisse Schatten von Fabrice Hergott

Auf den Tag oder vielleicht die Woche genau dreißig Jahre ist es nun her, dass Marc Desgrandchamps und ich uns kennen, und doch vermag ich nicht zu behaupten, deshalb eine definitive Aussage zu seinem Werk wagen zu können. Bei meinen Atelierbesuchen sehe ich nicht nur jedes Mal etwas anderes und haufig neue bildnerische Erfindungen, ich kann mir auch nie ganz sicher sein, das, was mir vom vorherigen Besuch in Erinnerung geblieben ist, wirklich gesehen zu haben. Seine Bilder entziehen sich ungeachtet ihrer Monumentalität, der Klarheit ihrer Sujets und der vertrauten Figuren meinen Versuchen, sie zu verstehen, wie Schlangen, die im Gras verschwinden. Stets ist da eine Art dumpfes Schwindelgefühl, das ich sicherlich nicht als Einziger empfinde. Doch bildet dieses Gefühl wahrscheinlich gerade den Kern jenes Interesses, das sein malerisches Schaffen bei uns auslöst. Von meinem letzten Besuch erinnere ich mich vor allem an die merkwürdigen Übermalungen, welche die Gliedmaßen der Figuren umgaben – weiße Schatten, deren Sinn ich nicht so recht verstand.

 

Marc Desgrandchamps ist sicherlich einer der wichtigsten Vertreter der französischen Kunstszene. Trotz ihrer Fortentwicklung besitzen seine Arbeiten einen eindeutigen Wiedererkennungswert. Ausgehend von der alten Metapher des zur Welt hin geöffneten Fensters haben seine Sujets an Vielfalt gewonnen, obschon es schwierig ist, sie im Einzelnen zu benennen. Die Bilder tragen im Übrigen keine Titel. Während sie sich seit ungefähr zwanzig Jahren vorrangig auf Film und Fotografie stützen, dienten anfänglich Gemälde alter und neuerer Meister als Referenz. Das Spektrum reichte von Poussin über Beckmann bis zum späten Malewitsch und wurde schließlich von Einzelbildern aus Filmsequenzen, im Urlaub aufgenommenen Schnappschüssen oder Bildern aus der Presse überlagert. Durch ihren im Wesentlichen figürlichen und realistischen Charakter bleiben Desgrandchamps’ Arbeiten dem Prinzip der Wanderung der Formen, wie es von Warburg aufgezeigt worden ist, verhaftet. Eine weibliche Figur, in der Bewegung begriffen, erinnert an ein antikes Relief oder eine Figur auf einer Vase. Diese beinahe akademischen Bezüge auf die Kunst der Vergangenheit werden um filmische Erinnerungen, Urlaubsfotos und zweifellos auch Kindheitserinnerungen erweitert. Der Darstellungsprozess hat im Laufe der Jahre an Komplexität gewonnen. Hinzu kamen phasenweise technische Veränderungen, die  neue Sujets mit sich brachten. Durch die kontinuierliche Arbeit im Atelier ist es Desgrandchamps so gelungen, eine Schneise zu öffnen und zu zeigen, dass der Realismus seiner Bilder und die Darstellung des Traums sich keinesfalls widersprechen.

Mehr anzeigen > >

 

 

Wilhelm Schmid

EDWARD HOPPERS BILD - EXKURSION IN DIE PHILOSOPHIE

Ein Ausschnitt aus dem Alltag zweier Menschen: Ein grübelnder Mann, die Stirn in Falten gelegt und mit strengen Bügelfalten in den Hosenbeinen, sinnt angestrengt über etwas nach. Er ist nicht allein, nicht zu übersehen ist die halb entblößte Frau hinter ihm, hingestreckt auf eine Liege, an deren Rand er sitzt, und abgewandt von ihm, ihr Gesicht ist nicht sichtbar. Die quer übers Kopfkissen hingegossenen Haare könnten verraten, dass sie sich abrupt von ihm weggedreht hat, und sie macht nicht die geringsten Anstalten, sich ihm wieder zuzuwenden. Auch er schenkt ihr keinen Blick, er bleibt am Rand der Liege sitzen, in sich zusammengesunken und etwas verkrampft, eine Gestalt der Ratlosigkeit. Unklar bleibt das Verhältnis zwischen beiden, unklar, ob es um dieses Verhältnis geht, unklar, ob es noch ein Verhältnis gibt, unklar erst recht, welchen Sinn in diesem Bild von 1959 die "Exkursion in die Philosophie" haben soll.


Offenkundig kommt es nicht auf die Verteilung der Geschlechterrollen an; dass sie austauschbar sind, zeigte Edward Hopper schon zehn Jahre früher, als er 1949 eine ähnliche Szene malte und mit einem weniger rätselhaften Titel versah: "Summer in the City". Hinter der vordergründigen Alltäglichkeit verbirgt sich eine vielsagende, in keiner Weise eindeutige Situation. "Sie wissen ja", sagte er, "welche Fülle von Gedanken und Impulsen in ein Werk eingehen". Nicht die Verteilung der Rollen, nicht die Besonderheit des Verhältnisses, sondern die Beispielhaftigkeit der Situation ist von Interesse: Beispielhaft für die Ratlosigkeit in bestimmten Situationen des Lebens, für den Stillstand des Lebens in dem Moment, in dem etwas, vielleicht alles, in Frage steht; beispielhaft auch dafür, dass diese Ratlosigkeit, dieses Infragestehen vorzugsweise dort zu erfahren ist, wo es um die Dinge der Liebe zu gehen scheint [...]


Mehr anzeigen > >



Edward Hopper - Exkursion in die Philosophie

Exkursion in die Philosophie - Edward Hopper

Edward Hopper

Seine Themen sind häufig interpretiert worden als Ausdruck der Isolation und Ausgrenzung des Einzelnen. Seine Gemälde zeigen oft das Individuum in Diners, Hotel- zimmern, Wartehallen oder vor Hausfassaden. Die abge- bildeten Menschen scheinen oft in Melancholie versunken zu sein und blicken gedanken- verloren aus dem Fenster, auf einen Punkt außerhalb des Bildes oder sie lesen ein Buch. Die Blicke von mehreren dargestellten Personen gehen meist aneinander vorbei und veranschaulichen so Distanz . . .

Edward Hopper  wurde am 22. Juli 1882 in Nyack, New York geboren, und starb am 15. Mai 1967 in New York City, New York, war ein amerikanischer Maler des Amerikanischen Realismus. Hoppers in kühler Farbgebung gehaltene realistische Bilder weisen auf die Einsamkeit des modernen Menschen hin. Er gilt als Chronist der amerikanischen Zivilisation.


Ab 1905 arbeitete Hopper als Illustrator für Werbeagenturen (vor allem für C. C. Phillips & Co.). Diese Tätigkeit, für den Broterwerb in den nächsten 20 Jahren wichtig, wurde von ihm nicht als Teil seines künstlerischen Schaffens betrachtet. 1913 nahm er an der Armory Show in New York City teil und verkaufte dort für 250 Dollar sein erstes Gemälde Sailing. Ab 1915 entstanden einige wenig bekannte Radierungen, Hopper konnte jedoch bis zu seinem 42. Lebensjahr nicht von der Malerei leben.

 

Transformation des Realen

Die vermeintlich realistischen Bildentwürfe Hoppers sind keine einfachen Repräsentationen einer abbildbaren Wirklichkeit, sondern immer schon Rekonstruktionen, welche die bloße Erfahrung überschreiten. Nicht anders als die Ansichten und Aussichten, die Hopper häufig als Bilder im Bild darstellt, sind seine Bildentwürfe insgesamt nicht zuerst Abbilder des Sichtbaren, sondern Gestaltungen des Ausgesparten. Sie verweisen auf Brüche sowohl in der Wahrnehmungswir-klichkeit als auch im Wahrnehmungsvermögen. Mit guten Gründen hat man sie mit der Metapher des Schweigens belegt. So wie sich alles Sprechen von nicht offen Ausgesprochenem und von Bezirken des Schweigens her bestimmt, haben diese Bilder einen geheimen Schwerpunkt in dem, was sie nicht offen zur Schau stellen. Sie inszenieren insgesamt eine Seh-und Lesart, welche die eindeutig zu entschlüsselnde gemalte Situation im Abgründigen verankert [...]

Mehr anzeigen > > 

Morning sun - Edward Hopper

Texte zur Kunst