Philosophie im 21. Jahrhundert?

ALBERTO MANGUEL > DIE BIBLIOTHEK BEI NACHT > AM ANFANG STEHT EINE FRAGE > TEXTE

Die  Zukunft  der  philosophischen und ästhetischen Möglichkeiten  liegt auch in der Vergangenheit: „je weiter das Leben hineingleitet ins  Reich  des Digitalen, je weiter sich die Pods und Pads  verbreiten  und alles betatscht und nur noch wenig begriffen wird, desto mehr wächst bei vielen Menschen  das  Bedürfnis  nach  dem  Hier  und  Jetzt.“

Hanno Rauterberg

Und genau in diesem Hier und Jetzt will die Website Art & Gifts  das Spannungsfeld zeitlich-räumlicher Reflexion und Kreativität zum einen in seiner geistig-künstlerischen Basis ausloten, zum anderen “alles Bedenkliche zu bedenken“, sich dringlichen Fragen nach den grundlegenden Bedingungen von Philosohie und Kunst im Europa des Jahres 2015 stellen.


Wir besitzen, das steht fest, keinen Weltbegriff, den wir auf das Werk, das wir hervorbringen, anwenden könnten. Wir bringen es hervor, das ist ganz sicher, nur um uns zu zerstreuen . . . Fernando Pessoa - Das Buch der Unruhe

Am Anfang steht eine Frage.
Außer den Theologen und den Vertretern der phantastischen Literatur werden nur wenige daran zweifeln, dass die Hauptzüge unseres Universums ein tiefer Mangel an Sinn und das Fehlen jeden erkennbaren Zwecks sind. Und doch sammeln wir unermüdlich, mit verblüffendem Optimismus, jeden Schnipsel Information, den wir bekommen können, in Schriftrollen und Büchern und Computerchips, Regalbrett um Regalbrett, ob materiell, virtuell oder in welcher Gestalt auch immer, versuchen verzweifelt, der Welt einen Anschein von Sinn und Ordnung zu geben, obwohl wir doch haargenau wissen, dass – auch wenn wir noch so gern das Gegenteil glauben möchten – all unsere Unternehmungen zum Scheitern verurteilt sind.


Warum also tun wir es trotzdem? Zwar wusste ich von Anfang an, dass die Frage wohl unbeantwortet bleiben würde, aber die Suche allein schon schien mir ein lohnendes Ziel. Das vorliegende Buch ist die Geschichte dieser Suche. Nicht um eine säuberliche Folge von Daten und Namen sollte es gehen, als ich mich vor etlichen Jahren an die Abfassung dieses Buches machte, nicht um einen weiteren Band über die Geschichte der Bibliothek, sondern ich wollte einfach nur über mein eigenes Staunen schreiben. »Gewiss sollten wir es doch sowohl anrührend als auch anregend finden«, schrieb Robert Louis Stevenson vor über einem Jahrhundert, »dass auf einem Gebiet, auf dem Erfolg nicht zu erwarten ist, die menschliche Rasse trotzdem ihre Bemühungen nicht aufgibt«.

Bibliotheken, ob nun meine ganz persönliche oder eine, die ich mit einem größeren Publikum teile, sind mir schon immer als wunderbar verrückter Ort vorgekommen, und solange ich mich überhaupt zurückerinnern kann, hat mich ihre labyrinthische Logik verführt, die uns weismachen will, Vernunft (wenn auch keine Kunst) herrsche über eine kakophonische Ansammlung von Büchern. Es macht mir ein abenteuerliches Vergnügen, mich in Regalen, wo sie dicht an dicht stehen, zu verlieren, immer im abergläubischen Vertrauen darauf, dass jede feste Hierarchie der Buchstaben und Zahlen mich eines Tages ans versprochene Ziel bringen wird. Bücher sind schon seit langem auch Werkzeuge der Weissagung gewesen. »Eine große Bibliothek«, überlegt Northrop Frye in einem seiner vielen Notizbücher, »kann tatsächlich in Zungen reden & hat ein enormes Potenzial an telepathischer Kommunikation«.

Im Banne solch schöner Täuschungen habe ich ein halbes Jahrhundert mit dem Sammeln von Büchern zugebracht. Meine Bücher sind unendlich großzügig; sie fordern nichts von mir und bieten doch trotzdem alle erdenklichen Weisheiten und Belehrungen. »Unsere Bibliothek«, schrieb Petrarca an einen Freund, »ist keine ungelehrte Sammlung, auch wenn sie einem ungelehrten Manne gehört«. Wie die Bücher Petrarcas wissen auch meine unendlich viel mehr als ich, und ich bin ihnen dankbar, dass sie mich überhaupt in ihrer Mitte dulden. Manchmal habe ich das Gefühl,  ich missbrauche dieses Privileg.

Wie die meisten Arten von Liebe muss man die Liebe zu Bibliotheken lernen. Keiner, der zum ersten Mal in einen Raum voller Bücher tritt, weiß instinktiv, wie er sich benehmen soll, was von ihm erwartet wird, was erlaubt ist, was versprochen. Er könnte es mit der Angst zu tun bekommen – angesichts der Menge, der Unüberschaubarkeit, der Stille, der Überwachung, der spöttischen Erinnerung an all das, was er nie wissen wird –, und etwas von diesem Gefühl des Überwältigtseins bleibt vielleicht, selbst nachdem er die Rituale und Konventionen erlernt hat, nachdem er die Geographie erkundet und festgestellt hat, dass die Einheimischen durchaus freundlich sind.

In meiner tollkühnen Jugend, als meine Freunde von Heldentaten in Justiz und Ingenieurskunst träumten, in der Finanzwelt und in der Politik, träumte ich davon, Bibliothekar zu werden. Trägheit und ein übermächtiger Drang zu reisen entschieden es anders. Jetzt, wo ich sechsundfünfzig geworden bin (laut Dostojewski, im Idioten, »das Alter, in dem, wie man mit Fug und Recht sagen kann, das wahre Leben beginnt«), habe ich mich diesem alten Traum wieder zugewandt, und auch wenn ich mich nicht wirklich als Bibliothekar ansehen kann, lebe ich doch zwischen einer ständig zunehmenden Zahl von Regalen, deren Enden an jeden anderen Teil des Hauses stoßen, ja mit ihm verschmelzen. Der Titel des Buches hätte Reise durch mein Zimmer lauten sollen. Leider ist mir der notorische Xavier de Maistre dabei um gut zwei Jahrhunderte zuvorgekommen.


Alberto Manguel, die Bibliothek bei Nacht