Kunst Kann's

KUNST KANN UND SOLL IN FRAGE STELLEN > ANREGEN > PROVOZIEREN > BEREICHERN

Worauf der Mensch zeigt und es so erscheinen läßt, ist das „Sein"
Worauf der Mensch zeigt und es so erscheinen läßt, ist das „Sein"

Selbstverständlichkeit von Kunst und Kultur?

Kunst Kann's - Kunst kann bereichern, anregen und provozieren!

Verhält es sich aber nun nicht so, dass mit den technisch-kultürlichen Einrichtungen von alters her verbunden war, eine Entlastung auch und gerade von kognitivem Aufwand und expliziter normativer Orientierung zu erzielen? Dies dadurch, dass Handlungsroutinen etablierbar wurden, die die Zeitigung gewünschter Effekte im Zuge der Techniknutzung vom bewussten Disponieren freistellte, gerade weil die Vollzüge weitest möglich »nach außen« verlegt, „exteriorisiert“, äußeren Kräften und ihren Wirkmechanismen überantwortet wurden auf der Basis einer regulierten Umwelt, deren überraschende Widerfahrnisse a limine minimiert sein sollten, so dass auf diese Weise die Funktionsmechanismen garantiert sein mochten. Ist Technik »als Anstrengung, Anstrengung zu ersparen« (Ortega y Gasset) nicht auch höherstufig zu begreifen als Ersparnis der Anstrengung eines immer neu zu erbringenden Aufwandes an kognitiven Leistungen und normativer Orientierung? Werden nicht eben gerade deshalb technikbasierte kulturelle Schemata tradiert bzw. werden sie nicht gerade aus diesem Grunde überhaupt zur Tradition (mit der Beweislast auf Seiten des Neuen)?
 
Was Marc Weiser, einer der Väter des Ubiquitous Computing, welches sich zum Ziel setzt, unsere Umwelt derart ››intelligent« zu machen, dass sie als unser »ausgefaltetes Gehirn« (Negroponte) mit Problemdiagnose, Entscheidungs- und Lösungskompetenzen ausgestattet wird, von den modernsten Technologien behauptete - womit sich sowohl Paradiesutopien als auch die düsteren Szenarien einer entmenschten Welt verbinden (Adamowski) -, findet sich keineswegs nur bei technikeuphemistischen Ingenieuren: »Die tiefgreifendsten Technologien sind die, die verschwinden. Sie verbinden sich mit den Strukturen des täglichen Lebens, bis sie von ihnen nicht mehr zu unterscheiden sind« (Weiser). Was sollte an solcherlei Technik problematisch sein, solange sie als Kontingenzmanagement qua »Zweitcodierung« (Luhmann) das Funktionieren unserer Systeme gewährleistet, unsere Erwartungen und Erwartungserwartungen auf eine stabile Grundlage zu stellen vermag und uns von der Notwendigkeit der Einsichtnahme und immer neu vorgenommener normativer Orientierung dadurch entlastet, dass wir nicht mehr Subjekt der Vollzüge zu sein brauchen?
 
Hans Blumenberg hat den Wesenszug der Technik (wie auch der Kultur überhaupt) folgendermaßen charakterisiert: Die künstliche Realität, der Fremdling unter den vorgefundenen Dingen der Natur, sinkt an einem bestimmten Punkte zurück in das ›Universum der Selbstverständlichkeiten', in die Lebenswelt [...].

 

Der von Husserl analysierte Prozeß der Verdeckung des Entdeckens erreicht erst darin sein Telos, daß das in theoretischen Fragen unselbstverständlich gewordene zurückkehrt in die Fraglosigkeit. Ungleich vollkommener als durch die Mimikry der Gehäuse wird das Technische als solches unsichtbar, wenn es der Lebenswelt implantiert ist. Die Technisierung reißt nicht nur den Fundierungszusammenhang des aus der Lebenswelt heraustretenden theoretischen Verhaltens ab, sondern sie beginnt ihrerseits, die Lebenswelt zu regulieren, indem jene Sphäre, in der wir noch keine Fragen stellen, identisch wird mit derjenigen, in der wir keine Fragen mehr stellen, und in dem die Besetzung dieses Gegenstandsfeldes gesteuert und motiviert wird von der immanenten Dynamik des Technisch Immer-Fertigen [...]« (Blumenberg 1963).
 
Die »theoretische Haltung« jedoch, in der uns etwas als Gegen-stand vorgestellt wird, wurde aber gerade evoziert durch diejenigen Widerfahrnisse, die Anlass zu jener entlastenden Kulturalisierung gaben. Warum sollte eine technisierte Lebenswelt problematischer sein als eine ursprüngliche, die uns aufgrund der Widerfahrnisse der Natur dazu verurteilte, eine theoretische Haltung einzunehmen, die Blumenberg mit Edmund Husserl zutreffend in ihrer Technomorphizität charakterisiert - »Methoden als verlässliche Maschinen«, einschließlich, Novalis zitierend, der Mathematik als Technik (Blumenberg) - wenn sie nur selbstverständlich ist? Das Skandalon einer solchen Selbstverständlichkeit ist, in den Worten Blumenbergs, die Verabschiedung der Vernunft zugunsten einer Überantwortung an den technisch-vorstellenden Verstand, ein vorstellendes Denken, das selbst in seiner Vorstellung von »Natur« nicht mehr dessen gewahr wird, dass diese „Natur“ bereits Ergebnis eines technomorphen Weltverhältnisses ist. Vernunft als das Vermögen der Herstellung eines Weltbezuges, wird „inkonsequent“, wenn sie sich dem solchermaßen hergestellten Bezug unterordnet: Auf dem Wege der Technik produziert sie ihre eigene Heteronomie nicht als eine infolge des Unterliegens unter „Sachzwänge“, “Amortisationsdruck“ oder beständiges „Krisenmanagement“ dies alles sind Oberflächenphänomene, sondern als eine, die sich fortan in den Möglichkeiten des Verstandes bewegt und sich dem „Anspruch“ der Vernunft entzieht.

Dadurch werde das menschliche Handeln »zunehmend unspezifisch«, ››homogenisiert« und reduziert auf Veranlassung. Wie aber, wenn jenes Sich-Überlassen an die Möglichkeiten »unreflektierter Wiederholbarkeit« nicht als Sinnverlust, sondern als bewusster ››Sinnverzicht« zu erachten wäre?

Ein solcher Sinnverzicht wiederum beinhaltet eine höherstufige Kontingenzerfahrung, aus der durchaus - so Blumenberg - eine neue Position der Vemünftigkeit resultieren könnte: Denn sofern Heteronomie nicht mehr mit Sinn versehen wird (das ist der Ertrag der Husserlschen Aufklärung), kann sie zum Stimulans einer Vemünftigkeit werden, die, da ein ursprünglicher Sinn nicht mehr unterstellt wird, sich neu als Sinnkonstituens erfahren müsse. Dann wäre dieser höherstufigen Kontingenz ein Positivum abzugewinnen, welches jenseits des kulturpessimistischen oder des kulturoptimistischen (Paradies-)Szenarios liegt. Für „Kultur“ als Medium der Orientierung bedeutete dies einen Dreischritt: Ihre ursprüngliche Funktion für ein reflexives Orientieren, ein Sich-Orientieren des Handelnden ist überführt in die kulturelle Selbstverständlichkeit, die transitív orientiert. Wird diese Orientierung, die gegeben ist, als kontingent erfahren, erwächst eine neue Option für reflexives Orientieren: in dieser oder einer anderen Kultur?

Freilich - und das ist zu betonen - ist jene Kontingenzerfahrung als Erfahrung, dass es auch anders sein könnte, erst Resultat einer Reflexion auf den Sinnverzicht. Denn der pure Sinnverzicht selbst konfrontiert uns noch nicht mit einer Vorstellung des Anders-sein-Könnens. Diese Vorstellung resultiert vielmehr erst aus einer bestimmten Auslegung des Sinnverzichtes im Modus der Reflexion. Wie aber kommt eine solche Reflexion zustande? Das „Wo die Gefahr wächst, wächst das Rettende auch“ (Heidegger) angesichts der Herausforderungen des technischen „Gestells“ an uns (auf Anpassung) formuliert nicht eine Zwangsläufigkeit. Die Suche der Vernunft nach sich selbst, einer Vernunft, die sich verloren hat im Machwerk des Verstandes, müsste allererst irgendwie veranlasst werden, diese Machenschaften „zu variieren“, „durch Realisierung des Möglichen, durch Ausschöpfung des Spielraums der Erfindung und Konstruktion das nur Faktische aufzufüllen“, sich selbst als das wesentlich notwendige Invariable der ››von aller Faktizität befreiten Exempel« zu erfassen (Husserl, zit. nach Blumenberg). Bis dahin ist es aber ein weiter Weg. Nochmals: Warum sollte sich eine in neuer Weise selbstverständlich gewordene Lebenswelt einschließlich der in ihr eingebetteten Technik selbst in Frage stellen?

 

Warum sollte man sich veranlasst sehen, im Felde einer neuen Kontingenz »Variationen« vorzunehmen, wie es sich die Phänomenologie zur Aufgabe gemacht hat, um im Zuge des Auslotens eines Anders-sein-Könnens wieder etwas zu finden, das sich nicht in den Machenschaften des Verstandes entäußert hat? Oder, folgt man Martin Heidegger, hinter den Machenschaften und dem Herausfordernden und dem Versammelnden des ››Gestells« gelassen auf ein Sein zu hören, welches sich selbst meldet (Heidegger)? In deutlicher Parallele betont dies auch Arnold Gehlen, wobei hier das „Variieren“ ein Sein der Technik auslotet, die nicht mehr Mittel für vorgegebene Zwecke ist.

Das »ungeheuere Leid«, welches nach Heidegger gezeitigt wird unter einem »Willen zum Willen«, der sich auf eine ››rechnende« und ››sichernde« Technik stützt, wird aber doch gerade nicht von denjenigen empfunden, die sich in der neuen Selbstverständlichkeit einer Totalentlastung durch Technik befinden. (Sehen wir an dieser Stelle einmal davon ab, dass eine Angst vor dem Tode uns auf ein Selbstsein verweist, welches in dieser Angst gerade erfährt, dass es sich auf die Selbstverständlichkeit seiner Lebenswelt nicht verlassen kann. Denn diese Argumentationslinie aus „Sein und Zeit“ findet sich weder beim späten Heidegger, noch bei Husserl, noch bei Blumenberg. So muss auch Blumenberg schließlich konzedieren, dass die Phänomenologie allenfalls die »Radikalität der Frage« aufgeworfen hat, die Frage »nach dem geschichtlichen Aufbrechen des Motivs und des Willens zu dieser Steigerung der Endlichkeit«, also der Einsicht, dass das »technische Kontingenzmanagement« selbst als kontingent begriffen wird.) Jegliches Leid könnte als bloße Unvollkommenheit auf dem Weg von einer alten („ursprünglichen“) zu jener neuen technischen Selbstverständlichkeit interpretiert werden. Damit jene höherstufige Kontingenz - jenseits der technisch »gemanagtem Kontingenz  - reflektierbar würde, müsste sie Spuren zeitigen.

Wie sollte aber jene Kontingenz eine Spur zeitigen? Ist ihre Spur nicht eher Ausdruck eines aufdringlich Bestimmten („Gehäuse“ - s.o. Max Weber und den ihn paraphrasierenden Arnold Gehlen), das sich zu Wort meldet, weil es mit einem bestimmten Anspruch auf Bestimmung kollidiert oder sich diesem verweigert? Kontingenz wäre dann ein Reflexionsbegriff, der das Eingeständnis eines gescheiterten Bestimmungsanspruches signalisiert. Oder eines Bestimmungsanspruches, der - um auf Blumenberg zurückzukommen - im Modus des (bequemen) Verzichtens oder des (anstrengend-schöpferischen) Spiels oder Variierens aufgegeben ist. Betrachten wír zunächst die ››subjektive« Seite: Wenn Kontingenz als nicht mehr bewusste Bestimmtheit die Selbstverständlichkeit der neuen technologischen Lebenswelt ausmachen sollte, hat sie keine Spur. Wenn sie sich irgendwie störend zu Wort meldet, weil etwas nicht Gewusstes (etwa als Überraschungseffekt) seine Spur hinterlässt, hat sie eine Spur, deren Bestimmung und Bestimmtheit fraglich ist [...]

 

Die Kunst des Möglichen - Christoph Hubig


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