Edward Hopper - Exkursion in die Philosophie

Exkursion in die Philosophie

Exkursion in die Philosophie - Edward Hopper

Edward Hopper

Seine Themen sind häufig interpretiert worden als Ausdruck der Isolation und Ausgrenzung des Einzelnen. Seine Gemälde zeigen oft das Individuum in Diners, Hotel- zimmern, Wartehallen oder vor Hausfassaden. Die abgebildeten Menschen scheinen oft in Melancholie versunken zu sein und blicken gedankenverloren aus dem Fenster, auf einen Punkt außerhalb des Bildes oder sie lesen ein Buch. Die Blicke von mehreren dargestellten Personen gehen meist aneinander vorbei und veranschaulichen so Distanz. . .

Die vermeintlich realistischen Bildentwürfe Hoppers sind keine einfachen Repräsentationen einer abbildbaren Wirklichkeit, sondern immer schon Rekonstruktionen, welche die bloße Erfahrung überschreiten. Nicht anders als die Ansichten und Aussichten, die Hopper häufig als Bilder im Bild darstellt, sind seine Bildentwürfe insgesamt nicht zuerst Abbilder des Sichtbaren, sondern Gestaltungen des Ausgesparten. Sie verweisen auf Brüche sowohl in der Wahrnehmungswir-klichkeit als auch im Wahrnehmungsvermögen. Mit guten Gründen hat man sie mit der Metapher des Schweigens belegt. So wie sich alles Sprechen von nicht offen Ausgesprochenem und von Bezirken des Schweigens her bestimmt, haben diese Bilder einen geheimen Schwerpunkt in dem, was sie nicht offen zur Schau stellen. Sie inszenieren insgesamt eine Seh-und Lesart, welche die eindeutig zu entschlüsselnde gemalte Situation im Abgründigen verankert.

 

Was Hoppers Bilder der frühen Phase skizzieren und die der mittleren in unterschiedlichen Bildkomplexen entfalten, führen jene aus seiner Spätzeit fort. Auch für deren häufig narrative Ordnung gilt: Die Szenen der Zivilisation und die Menschenbilder weisen stets auf Zwischenräume, die nicht abbildbar sind. Sie verdeutlichen, daß Hoppers gemalte Räume von Ausgrenzungen und Spannungen berichten, und sie lassen das Schweigen, das viele gemalte Situationen und Menschen-figuren zum Ausdruck bringen, zum Gestus der Bilder selbst werden. Deren strenge Konstruktion, ihre thematische Beschränkung und die experimentelle Behandlung des Lichts schaffen dabei einen Eindruck von Ruhe und Konzentration, der sich als eine besondere Reaktion auf gesellschaftliche Wirklichkeit verstehen läßt.

Rolf Günter Renner

EDWARD HOPPERS BILD - EXKURSION IN DIE PHILOSOPHIE

 

Ein Ausschnitt aus dem Alltag zweier Menschen: Ein grübelnder Mann, die Stirn in Falten gelegt und mit strengen Bügelfalten in den Hosenbeinen, sinnt angestrengt über etwas nach. Er ist nicht allein, nicht zu übersehen ist die halb entblößte Frau hinter ihm, hingestreckt auf eine Liege, an deren Rand er sitzt, und abgewandt von ihm, ihr Gesicht ist nicht sichtbar. Die quer übers Kopfkissen hingegossenen Haare könnten verraten, dass sie sich abrupt von ihm weggedreht hat, und sie macht nicht die geringsten Anstalten, sich ihm wieder zuzuwenden. Auch er schenkt ihr keinen Blick, er bleibt am Rand der Liege sitzen, in sich zusammengesunken und etwas verkrampft, eine Gestalt der Ratlosigkeit. Unklar bleibt das Verhältnis zwischen beiden, unklar, ob es um dieses Verhältnis geht, unklar, ob es noch ein Verhältnis gibt, unklar erst recht, welchen Sinn in diesem Bild von 1959 die "Exkursion in die Philosophie" haben soll.

Offenkundig kommt es nicht auf die Verteilung der Geschlechterrollen an; dass sie austauschbar sind, zeigte Edward Hopper schon zehn Jahre früher, als er 1949 eine ähnliche Szene malte und mit einem weniger rätselhaften Titel versah: "Summer in the City". Hinter der vordergründigen Alltäglichkeit verbirgt sich eine vielsagende, in keiner Weise eindeutige Situation. "Sie wissen ja", sagte er, "welche Fülle von Gedanken und Impulsen in ein Werk eingehen". Nicht die Verteilung der Rollen, nicht die Besonderheit des Verhältnisses, sondern die Beispielhaftigkeit der Situation ist von Interesse: Beispielhaft für die Ratlosigkeit in bestimmten Situationen des Lebens, für den Stillstand des Lebens in dem Moment, in dem etwas, vielleicht alles, in Frage steht; beispielhaft auch dafür, dass diese Ratlosigkeit, dieses Infragestehen vorzugsweise dort zu erfahren ist, wo es um die Dinge der Liebe zu gehen scheint.

Eine erste Annäherung unter diesem Aspekt könnte das Bild als eine Einführung in die Philosophie erweisen, denn für die Philosophie, wie sie einst in Platons "Symposion" vorgestellt worden war, stellt diese Lebenssituation, die Suche nach einer Kunst des Umgangs mit den Dingen der Liebe, eine wichtige Fragestellung dar. Das Bild brächte dann den Augenblick der Philosophie zum Ausdruck, den Augenblick danach, das Einsetzen der Reflexion, das Leben mit der schmerzlichen Distanz zum Anderen, das Denken in der Leere der entschwundenen Lust, das unerbittliche Fragen nach dem Grund. Eine Entzauberung der Welt hat stattgefunden, und die banale Wirklichkeit macht sich breit. Der Faden ist gerissen, der dem Leben Sinn verliehen hatte, und es erscheint höchst ungewiss, ob es ein Leben danach wird noch geben können. Neben der unmittelbaren Erfahrung der Sinnlichkeit und dem Traum von der Vereinigung ist dies eben die komplementäre Erfahrung der Liebe, ihr immer wiederkehrendes Verhängnis: Sofern die unendliche Seligkeit erfahren worden ist, wird der Sturz zurück in die Sterblichkeit nur umso fühlbarer, denn es ist der Sturz aus der Ewigkeit zurück in die Zeit. Und selbst wenn die Seligkeit nur vor Augen gestanden hat, sind die Folgen nicht minder schmerzlich: Aus der Ewigkeit verbannt zu bleiben, dem Gesetz der Zeit auch nicht für einen Augenblick entfliehen zu können. Das Individuum findet sich zurückgeworfen auf sich selbst, zwischen den Ruinen der Repräsentation, in den Trümmern der Welt seiner Vorstellungen, in denen das Einssein mit dem Anderen so große Bedeutung hatte. Wer aber einen schönen Traum geträumt hat, mag in der Realität nicht mehr leben.

 

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Nighthawks – Nachtschwärmer

Nighthawks ist eines der populärsten Bilder des 20. Jahrhunderts. In der kühlen Kunstlichtatmosphäre einer Bar sitzen drei Gäste, die aneinander vorbeischauen, sich nicht unterhalten und scheinbar ihren eigenen Gedanken nachhängen. Die Nachtschwärmer sitzen oder stehen an der umlaufenden Theke, in deren Mitte der weißuniformierte Kellner tätig ist. Ob die Frau, deren linke Hand zu dem rauchenden Mann rechts neben ihr deutet, und er ein Paar sind oder ob sie einander kennenlernen wollen, bleibt offen. Der andere, allein sitzende Mann ist eine Rückenpartie, auch er mit Hut.

 

In einen urbanen Kontext eingebettete Szenen der Vereinsamung und Leere finden sich in vielen Werken Hoppers wieder. In Nighthawks nutzte er Architektur und Licht, um diese Wahrnehmung noch zu steigern, was das Gemälde als die eindrucksvollste Umsetzung dieser Motivik erscheinen lässt. Andererseits veranlassten die zahlreichen Interpretationen seiner Werke, die den Aspekt der Vereinsamung betonten, Hopper zu der Aussage, "die Sache mit der Einsamkeit wird übertrieben".


Die minimalistische Architektur des im Vordergrund hervorstehenden Diners betont die schlichte und trostlose Atmosphäre des Bildes. Dadurch, dass der Ein- bzw. Ausgang des Diners nicht sichtbar ist, scheinen die Personen durch die geschwungene Glasfront regelrecht eingeschlossen zu werden.  Das im Hintergrund des Bildes befindliche im Halbdunkel liegende Gebäude wurde von Hopper als zweistöckiges Geschäftsgebäude ausgeführt, wie sie im 19. Jahrhundert noch typisch für New York City waren. Bei der Gestaltung der Hausfassade griff er auf eines seiner früheren Werke, das 1930 entstandene Bild Early Sunday Morning, zurück, das ein fast identisch aussehendes Gebäude in voller Breite und im Vordergrund zeigt. Während in dem jüngeren Bild ein Hochhaus im Hintergrund in der rechten oberen Ecke eine bevorstehende urbane Transformation nur dezent andeutet, scheint diese Transformation in dem zwölf Jahre später entstandenen Bild schon sehr viel weiter fortgeschritten zu sein.


Auch die Ausleuchtung der Szene verstärkt die vorherrschende Grundstimmung des Bildes. Das hell erleuchtete Nachtcafé steht in starkem Kontrast zur umgebenden dunklen Straßenkreuzung. Leuchtstofflampen waren erst seit Anfang der 1940er-Jahre in Gebrauch, und somit illustriert das Gemälde auch den Beginn des Siegeszugs dieser neuen Erfindung. Vor dem Hintergrund staatlicher Verdunklungsmaßnahmen in amerikanischen Städten während des Zweiten Weltkriegs zum Schutz vor feindlichen Angriffen lässt die grelle nächtliche Ausleuchtung das Diner einerseits exponiert und gefährdet erscheinen, andererseits kann dies auch als bewusste Missachtung freiheitseinschränkender Kriegsbestimmungen durch den Künstler interpretiert werden.

Das Bild Gas aus dem Jahr 1940 zeigt eine Tankstelle in der Abenddämmerung aus der Sicht eines heranrollenden Autofahrers. Der Tankwart steht allein vor einer von drei leuchtend roten Zapfsäulen. Auch hier wird Einsamkeit dokumentiert. Mehrere Lichtquellen bestimmen die Szene. Zum einen das Dämmerlicht der bereits untergegangenen Sonne sowie die künstlichen Lichtquellen aus dem Tankstellenhäuschen, den Zapfsäulen und dem „Mobilgas“-Reklameschild. Im Hintergrund ist ein dunkler Wald zu sehen. Wohin die Straße führt, ist nicht mehr im Bildbereich.

Nighthawks - Nachtschwärmer - Edward Hopper

Edward Hopper - Exkursion in die Philosophie