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Emerenz Meier: Aus dem Elend

Aus dem Elend von Emerenz Meier

Emerenz Meier

 

Aus dem Elend

1. Kapitel

 

Itta stammte aus dem Elend.

 

Wie sie von jenem schmutzigen böhmischen Grenzort, der seinen Namen in jeder Hinsicht rechtfertigt, zum Hof des Reutbauern im Dorfe Kaltwasser gekommen war, das hatte sich auf folgende Weise zugetragen.

 

Überall im Wäldlerland ist es Sitte, am Tage Allerseelen eine Unmenge kleiner Brötchen zu backen und sie an die in hellen Haufen aus Böhmen herüberkommenden und auch an die einheimischen armen Leute zu verschenken und dafür ebensoviele »Vergelts Gott für die armen Seelen« einzusammeln. Es ist ein schöner Brauch, der heute noch gerade so gut gehalten wird wie vor vierzig Jahren, als die Wälder noch dichter und darum die Bauern noch wohlhabender waren.

 

Die Reutbäuerin erfreute sich zu jener Zeit eines besonders guten Rufes hinsichtlich ihrer »Seelwecken«, die an Größe und Weiße ihresgleichen kaum fanden. Sie hatte daher auf zahlreichen Zuspruch zu rechnen und tat dies mit Freuden, obgleich es nicht gerade angenehm sein mag, den ganzen Tag überm Trog gebückt oder am heißen Backofen zu stehen.

 

»Man tut es ja für die armen Seelen. Und am Ende ist es doch leichter als das Laufen von Haus zu Haus, von Dorf zu Dorf, während der Böhmwind schier mit Messern schneidet und Regen mit Schnee untermischt durch die Kleider bis auf die Haut dringt.«

 

So dachte sie und lächelte mit hochrotem Gesicht ihrem Manne zu, der ihr emsiges Treiben sinnend beobachtete, während er an seinen Spänen schnitzte und hie und da einen Zug aus der Pfeife tat.

 

Die Knechte saßen auf dem Boden inmitten der Stube und verfertigten Besen aus Heidelsträuchern und Birkenreisern; zwei Mägde spannen silberschimmernden Flachs und eine ältliche Frau mit feinem blassen Gesicht und schlanker Gestalt war am Eichentisch mit Nähen beschäftigt. Sie sah dem Bauern ziemlich ähnlich, was den Schnitt der Züge, die Farbe der Haare und der Augen anbetraf, doch war ihr Ausdruck weicher, ihr Blick sanfter, als der des Bruders. Seit ihren Mann, den königlichen Grenzaufseher Hiller, in den böhmischen Bergen die Kugel eines Schleichhändlers getötet hatte, lebte sie wieder, wie einst, in ihrem Vaterhaus. Eigentlich bewohnte sie ein paar helle Stuben des Hintergebäudes, aber die meiste Zeit verbrachte sie in der Reutbauerischen Familie, sich durch ihre geschickte Hand jedermann nützlich machend. Obwohl sie selten lachte – sie hatte es bei dem größten Unglück ihres Lebens verlernt – lag doch eine stets gleichmäßige, ruhige Freundlichkeit in ihrem Wesen, die ihr die Liebe und das Zutrauen aller erwarb, die mit ihr in Berührung kamen. Der Bruder hatte sogar einen großen Respekt vor der seit ihrer Verheiratung etwas feiner und vornehmer gewordenen Schwester und achtete ihr Wort als entscheidend in den meisten Fragen. Dazu kam, daß er ihr Dank schuldete, denn als er vor zwei Jahren, durch Mißernten und andere Unglücksfälle heimgesucht, nahe daran gewesen war, vom Hof zu kommen, hatte sie ihm unbedenklich ihr beträchtliches Vermögen übergeben und ihn dadurch gerettet.

 

Neben Burgl, so hieß die freundliche Witwe, saß noch ein zwölf Jahre alter schwarzhaariger Knabe tief über ein Buch gebeugt, aus dem er mit leiernder, tiefklingender Stimme vorlas. Von Zeit zu Zeit unterbrach sie ihn berichtigend, denn er legte besonders längeren Sätzen einen oft unmöglichen Sinn unter und stolperte über manche Wörter wie ein Deutsch lernender Franzose. Wäre es eine andere Geschichte als die von Ali Baba und den vierzig Räubern gewesen, so würde Gottfried, der Sprößling der Reutbauerischen Eheleute, wohl kaum bis zur fünfzehnten Buchseite gekommen sein, wie das nun der Fall war. Daß er aber bei der sechzehnten plötzlich abbrach, geschah nicht aus Mangel an Interesse, sondern weil etwas anderes seine Aufmerksamkeit erregte.

 

Es war dies ein kaum fünf Jahre altes Mädchen mit blau gefrorenem Gesicht und ebensolchen Händen und Füßen, die nackt in Holzschuhen steckten, an die sich schwere Schneeklumpen geballt hatten. Die kleine, zierliche Gestalt bedeckten notdürftig alte Lumpen und ein schwerer, an ihrem Rücken festgebundener Brotsack beugte sie fast darnieder.

 

Schon seit geraumer Zeit stand das zerlumpte Persönchen an der Tür und blickte mit großen blauen Augen in der Stube umher, ohne die von den Anwesenden erwartete Bitte um einen Seelwecken auszusprechen.

 

»Was willst du, Kloane?« fragte die Bäuerin endlich.

 

»Wärma möcht i mi«, war die fast unverständliche Antwort.

 

»Na, so sitz dich zum Ofa hin, du armer Narr. Warum ziehst dich denn auch net besser an, wennst in d' Seelweckn gehst?«

 

»I hab halt sunst nix«, lallte die Kleine mit schwerer Zunge, indem sie eiligst der Aufforderung nachkam und sich an den heißen Kachelofen schmiegte.

»Wie hoaßt denn?« ging nach einer Weile das Fragen weiter.

»Itta.«

»Itta? des is ja a böhmischer Nam. Bist leicht a kloane Böhmin?« 

 

Itta schwieg und starrte auf ihre blauen Händchen nieder. Sie befürchtete offenbar, durch die Bejahung der Frage die ihr zugewandte Gunst zu verlieren, denn sie wußte trotz ihres kurzen Daseins schon aus Erfahrung, wie sehr man hier alles verachtete, was sich böhmisch nannte.

 

Gottfried war näher getreten und seine dunklen Augen blitzten sie neugierig an.

 

»Wo bist denn her, Dirndl?«

 

»Vom Elend.«

 

»Also a Böhmin, denn's Elend liegt ja schon enterhalb der Grenz«, sagte der Knabe in geringschätzigem Ton und zog sich zurück.

 

»Wer is denn bei dir?« fuhr die Bäuerin zu fragen fort.

 

»Neamd.«

 

»Ja, du wirst doch um Gottswilln net alloa so weit furtganga sein von dahoam! Warum is dei Mutter net mit dir?«

 

»Weil s'ferd gestorbn is.«

 

»Und dei Vater?«

 

»I hab koan solchen.«

 

»Na ebban hast dennerst, bei dem du eßn und schlafen tust?«

 

»Ja, des is d'Elendmüllnerin. Sie hat aber nächst gsagt, sie kunnt mi nimmer derhaltn, i soll drum über d'Granitz in d'Seelweckn gehn.«

 

»O – gehts ihr leicht so schlecht, der Elendmüllnerin?«

 

»Na, ihr net, aber mir.«

»Des glaub i dir von Herzn gern, mei arms Kind. Du bist wirkli vom doppeltn Elend her.«

 

Bei diesen mitleidigen Worten fing Itta herzbrechend zu weinen an und beruhigte sich erst allmählich unter den Liebkosungen der Bäuerin, der die Tränen selbst in den Augen standen. Sie setzte ihr eine Schüssel mit Milch und Brot vor und näherte sich dann ihrem Mann.

 

»Sag, was wir jetzt mit dem Dirndl tuan«, flüsterte sie ihm zu. »Wir könnens doch net wieder in das schlecht Wetter außischicken.«

 

Der Bauer zuckte mißmutig die Achseln und machte sich an seiner Pfeife zu schaffen. Nach einer Pause stieß er ärgerlich hervor: »Um solche Kinner soll sich halt d'Gemeinde annehmen und sie derhaltn, statt daß man s'aufn Bettl ausschickt.«

 

»O mei liaber Himmel, d'Gemeinde!« rief sie.

 

»Was is denn's Elend für a Gemeinde? Der Burgamoasta hat zwo Goaß im Stall wenns ihm guat geht, und gehts ihm schlecht, so legt er sich selber eini auf d' Strah.«

 

Er nickte zornig.

 

»So ists mit die verdammten Grenzböhm. Auf d'Letzt kommens nachher zu uns außa und falln uns zur Last. Man kann ohnehin net acht Schritt mehr machen, ohne daß oam so a tschechisch Lumpengsicht begegnt.«

 

»Geh, sei net gar so harb, Alter«, beschwichtigte sie ihn. »Es is ja wahr, daß mans net leidn kann und daß sie veracht wern, aber Leut sands halt doch auch wie wir.«

 

Unbedacht hatte sie das Wort ausgesprochen, das ihn jedesmal in Harnisch brachte, denn ihm war das im Wald ebenso populäre wie ungerechte Sprichwort: »Ein Böhm und ein Stier sand wilde Tier«, mehr wie jedem andern der Ausdruck innersten Überzeugung.

 

»Leut wie wir?« fuhr er auf. »Scham dich, Alte, daß du so was nur sagn magst! Die Rass, die falsch, die hoamtückisch! Wenn a Böhm in a Haus ei'geht, zittert der Nagl an der Wand, hoaßts Sprichwort und sitzt sich oana auf an Ackerroa, so wachst neun Jahr koa Gras mehr drauf.«

 

Burgl war bisher anscheinend teilnahmslos geblieben. Nun aber legte sie hastig ihre Näherei zusammen und erhob sich.

 

»Kram deine schlechtn Sprichwörter an anders Mal aus, Sepp«, sagte sie in so zürnendem Ton, wie man ihn selten von ihr zu hören bekam. »Des Gschöpf dort, des so ängstli und bittend dreinschaut, hat dir wahrhafti noch koan Anlaß zum Aufdrahn gebn. Willst du's um Gottslohn net ghaltn, so hoaß's wieder weiter gehn, aber verbitter ihm des kloa Herz net lang, des ohnehin arm gnug is.«

 

Der Reutbauer blickte mehrere Sekunden lang verdutzt auf die Schwester, dann stieg langsam eine dunkle Röte in seine Wangen. Ihm war vorhin das fremde Kind für den Augenblick aus dem Gedächtnis gekommen und seine Worte hatten sich nur auf die von ihm wie von jedem Wäldler gehaßten Grenznachbarn im allgemeinen bezogen. Doch er fühlte sich durch diese Zurechtweisung in Gegenwart der Dienstboten beschämt und sich in seiner Würde als Haupt der Familie gekränkt. Heftiger Zorn erfaßte ihn; er richtete sich vor allem gegen die unschuldige Ursache des Streites.

 

»Um Gottslohn g'haltn!« rief er höhnisch. »Fallt mir net ein, daß i mir an Hund aufziag, der mi später in d' Füaß beißt. Oder bin i nimmer Herr in mein Haus? Aft derf des böhmisch Mensch dableibn und i hab nix mehr z'sagn.«

 

In der Nähe des Kachelofens stehend und heftig gestikulierend, stieß er unvermutet an eine Stange des darüber aufgebauten Dörrgerüstes und mit einem Krach fiel es nieder, Töpfe und Schalen mit sich nehmend und zertrümmernd.

 

Während die Weiber erschrocken herbeieilten, die Knechte sich murrend in eine Ecke drückten, rutschte das kleine Unglücksgeschöpf Itta von der Bank und schlüpfte leise weinend zur Tür hinaus.

 

Niemand sah dies als der Knabe, der den stürmischen Auftritt gleichmütig beobachtet hatte und sich nun ebenfalls entfernte.

 

Als Burgl ein paar Minuten später fand, daß die von ihr in Schutz Genommene entflohen war, sank sie erbleichend auf die Herdbank nieder. Doch schnell raffte sie sich wieder empor und lief hinaus auf die Dorfstraße, des eisigkalten Windes nicht achtend, der durch ihre leichte Kleidung fuhr und ihr den Schnee gleich scharfen Nadeln in das Gesicht trieb. Von Haus zu Haus suchte und fragte sie vergeblich, und als es dunkel wurde, kehrte sie erschöpft und betrübt nach ihrer Wohnung zurück.

 

»Na, kimmst endlich doch daher, Burgl!« tönte es ihr dort aus der Türe entgegen. »I beit schon an Ewigkeit auf dich mit dem Dirndl da, des zittert, wie dem Forstghilfn sei Dakkel.«

 

»Gottfried! Ist's wahr, hast du's g'fundn?« schrie sie fast weinend auf.

 

»I hab's net gsuacht, bin ihm nur nach, hab's beim Kragl packt und her gweist.«

 

»Und hast dir net gfürcht wegn dein Vatern?«

 

»Ah, der is morgn froh, daß wirs net ausgjagt habn. Sei Zorn kränkt'n ja doch bald, man muaß nur tuan, wia wenn man's net kenna tat. Und's Böhmerl muß ihn bittn um d'Hoamat, damit er schön ›ja‹ sagn kann.«

 

»Schau, der pfiffi Bua!« lächelte sie. »Aber gelt's Gott tausendmal, daß's da is. I hätt mir mei Lebtag an Vorwurf gmacht wegn dem Kind; denn was oam unser Herrgott ins Haus schickt, soll man net ausschaffen.«

 

Gottfried lief pfeifend davon und Burgl machte sich frohen Herzens daran, Licht und Wärme in die freundliche, bequem eingerichtete Stube zu bringen.

 

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Emerenz Meier (* 3. Oktober 1874 in Schiefweg, heute Ortsteil

von Waldkirchen/Niederbayern; † 28. Februar 1928 in Chicago) war eine deutsche Schriftstellerin. Neben Lena Christ gilt sie als die bedeutendste bayerische Volksdichterin.

 

Die 1874 in Schiefweg (Gemeinde Waldkirchen) geborene Emerenz Meier begann schon als Kind über ihre Heimat Niederbayern zu schreiben. Emerenz Meier war die Tochter der Emerenz Meier, geborene Raab, und des Landwirts, Viehhändlers und Gastwirts Josef Meier. Sie war eine sehr gute Schülerin und verfasste schon sehr früh kleine Geschichten und Gedichte. Sie lebte und arbeitete auf dem elterlichen Bauernhof und half auch als Bedienung in der Wirtsstube.

 

Im Jahr 1893 wurde in der Passauer Donau-Zeitung ihre erste Erzählung Der Juhschroa veröffentlicht, die sie heimlich eingesandt hatte. Im Herbst 1896 erschien im ostpreußischen Königsberg ihr erstes und einziges Buch Aus dem bayrischen Wald. Der Schriftsteller Hans Carossa las es und besuchte daraufhin im Herbst 1898 Emerenz Meier zu Fuß in Schiefweg.

 

Die Dichterin war eine regionale Berühmtheit geworden. Ihre Fotografie in Tracht wurde 1898 vom Erfinder der Ansichtskarte, Alphons Adolph aus Passau, zusammen mit dem Foto ihres Geburtshauses als „Gruß aus Waldkirchen“ vertrieben.

Emerenz Meier

Zauber der Weihnacht