Unsere Eltern besaßen noch den Impuls des Glaubens und übertrugen ihn vom Christentum auf andere Formen der Illusion.

Im heutigen Leben gehört die Welt nur den Narren, den Grobschlächtigen und den Betriebsamen.

Fernando Pessoa

Als die Generation geboren wurde, der ich angehöre, fand sie die Welt ohne Stützen für Leute mit Herz und Hirn vor. Die zerstörerische Arbeit der vorangegangenen Generation hatte bewirkt, daß die Welt, in die wir hineingeboren wurden, uns keinerlei Sicherheit in religiöser Hinsicht, keinerlei Halt in moralischer Hinsicht und keinerlei Ruhe in politischer Hinsicht bieten konnte. Wir Wurden in metaphysische Angst, in moralische Angst, in politische Unruhe hineingeboren. Trunken von äußerlichen Formeln, von den bloßen Verfahren der Vernunft und der Wissenschaft hatten die uns vorangegangenen Generationen alle Fundamente des christlichen Glaubens unterhöhlt, weil ihre Bibelkritik, die von der Kritik an den Texten zur Kritik an der Mythologie des Christentums übergegangen war, die Evangelien und die vorangehende Hierographie der Juden auf eine Ungewisse Ansammlung von Mythen, Legenden und bloßer Literatur reduziert hatte; ihre wissenschaftliche Kritik deckte Schritt um Schritt die Irrtümer und groben Naivitäten der ursprünglichen "Wissenschaft« der Evangelien auf; gleichzeitig schwemmte die Diskussionsfreiheit, die alle metaphysischen Probleme zur Debatte stellte, die religiösen Probleme mit sich fort, so weit sie metaphysischer Natur waren. Trunken von einer Ungewissen Sache, die sie »Positivismus« nannten, kritisierten diese Generationen die gesamte Moral, durchstöberten alle Lebensregeln, und von diesem Zusammenstoß der Lehrmeinungen blieb nur die Ungewißheit aller zurück und der Schmerz darüber, daß es keine Gewißheit gab. Eine soIcherart in ihren Grundlagen erschütterte Gesellschaft konnte konsequentewveise auch in der Politik nur ein Opfer dieser Disziplinlosigkeit werden; und so erwachten wir für eine nach gesellschaftlichen Neuerungen begierige Welt, und mit Freude ging man auf die Eroberung einer Freiheit los, von der man nicht wußte, was sie war, und auf einen Fortschritt, der nie genau definiert worden war.

 

Aber der grobschlächtige Kritizismus unserer Eltern hinterließ uns zwar die Unmöglichkeit, Christen zu sein, nicht aber die Zufriedenheit mit dieser Unmöglichkeit; er hinterließ uns den Unglauben an die überlieferten moralischen Formeln, nicht aber die Gleichgültigkeit gegen die Moral und die Regeln des menschlichen Zusammenlebens; er ließ zwar das politische Problem in der Schwebe, unseren Geist aber nicht gleichgültig gegenüber der Lösung dieses Problems. Unsere Eltern zerstörten mit Befriedigung, weil sie in einer Epoche lebten, in der noch Reste der soliden Vergangenheit übriggeblieben waren. Eben das, was sie zerstörten, hatte der Gesellschafl Kraft verliehen, so daß sie es zerstören konnten, ohne die Risse am Gebäude zu bemerken. Wir haben die Zerstörung und ihre Resultate geerbt.

 

Im heutigen Leben gehört die Welt nur den Narren, den Grobschlächtigen und den Betriebsamen. Das Recht zu leben und zu triumphieren erwirbt man heute fast durch die gleichen Verfahren, mit denen man die Einweisung in ein Irrenhaus erreicht: die Unfähigkeit zu denken, die Unmoral und die Übererregtheit. Ich gehöre zu einer Generation, die den Unglauben an den christlichen Glauben geerbt und in sich den Unglauben gegenüber allen anderen Glaubensüberzeugungen hergestellt hat. Unsere Eltern besaßen noch den Impuls des Glaubens und übertrugen ihn vom Christentum auf andere Formen der Illusion. Einige waren Enthusiasten der sozialen Gleichheit, andere nur in die Schönheit verliebt, andere glaubten an die Wissenschaft und ihre Vorzüge, und wieder andere gab es, die dem Christentum stärker verbunden blieben und in Orient und Okzident nach religiösen Formen suchten, mit denen sie das ohne diese Formen hohle Bewußtsein, nur noch am Leben zu sein, beschäftigen könnten.

 

All das haben wir verloren, all diesen Tröstungen gegenüber sind wir als Waisenkinder geboren worden. Jede Zivilisation folgt der inneren Linie einer Religion, die sie repräsentiert: Auf andere Religionen übergehen heißt, diese verlieren und damit letztlich alle verlieren.

 

Wir haben diese eingebüßt und die anderen ebenfalls.

 

Mithin ist jeder einzelne von uns sich selbst überlassen worden und der Trostlosigkeit, sich am Leben zu fühlen. Ein Schiff scheint ein Gegenstand zu sein, dessen Bestimmung die Seefährt ist; doch seine Bestimmtmg ist nicht die Seefährt, sondern die Einfährt in einen Hafen. Wir haben uns auf hoher See gefunden ohne die Vorstellung von einem Hafen, in dem wir hätten Zuflucht suchen können. So wiederholen wir auf schmerzliche Art und Weise die Abenteuerformel der Argonauten: Seefàhrt tut not, Leben tut nicht not.

 

Illusionslos leben wir nur vom Traum, der Illusion dessen, der keine Illusionen haben kann. Aus uns selber lebend vermindern wir unseren Wert, denn der vollständige Mensch ist der Mensch, der sich nicht kennt. Ohne Glauben haben wir keine Hoffnung und ohne Hoffnung haben wir kein Leben im eigentlichen Sinne. Da wir keine Vorstellung von der Zukunft haben, haben wir auch keine Vorstellung vom Heute, denn das Heute ist für den Tatmenschen nur ein Vorspiel der Zukunft. Der Kampfesmut ist abgestorben mit uns auf die Welt gelangt, denn wir wurden ohne Begeisterung für den Kampf geboren. 

 

Einige von uns stagnierten in der schalen Eroberung des Alltags, gemein und niedrig auf der Jagd nach dem täglichen Brot, und sie wollten es ohne das Gefühl der Arbeit, ohne das Bewußtsein der Anstrengung, ohne den Adel des Gelingens erhalten.

 

Wir anderen, besser Gearteten enthielten uns der Teilnahme am öffentlichen Leben, verlangten nichts und wünschten nichts und versuchten statt dessen, das Kreuz unseres bloßen Existierens auf den Kalvarienberg des Vergessens zu schleppen. Eine aussichtslose Bemühung für denjenigen, der nicht, wie der Träger des Kreuzes, einen göttlichen Ursprung in seinem Bewußtsein fühlt.

 

Andere haben sich extrovertiert dem Kult der Verwirrung und des Lämrs ergeben und zu leben gemeint, wenn sie sich nur selber hörten, und zu lieben geglaubt, wenn sie die Äußerlichkeiten der Liebe nachvollzogen. Das Leben schmerzte uns, weil wir wußten, daß wir lebendig waren; das Sterben erschreckte uns nicht, weil wir den normalen Begriff des Todes verloren hatten.

 

Andere jedoch, Rasse des Endes, geistige Grenze der toten Stunde, fanden nicht einmal den Mut zur Negation und zum Asyl in sich selber. Ihr Leben verlief in Verneinung, in Unzufriedenheit und in Trostlosigkeit. Wir aber erleben es von innen, ohne uns zu gebärden, stets mindestens in der Art und Weise unserer Lebensführung in die vier Wände des Zimmers eingeschlossen und in die vier Mauern, handlungsunfähig zu sein.

 

 29.3.1930

 

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Fernando Pessoa

Fernando Pessoa, der 1935 im Alter von 47 Jahren gestorben ist, gilt heute als der wichtigste Dichter der Moderne in der portugiesischen Literatur. Zu Lebzeiten hat er nur wenig veröffentlicht; wenn überhaupt, so kannte die Nachwelt ihn als Lyriker. Das Erscheinen der Prosaaufzeichnungen Pessoas, 1982 im portugiesischen Original, war daher eine literarische Sensation.

 

Pessoa wurde 1888 in Lissabon geboren; er verbrachte seine Jugend in Durban in Südafrika, wo sein Stiefvater Konsul war. Mit 17 Jahren kehrte er nach Lissabon zurück und führte dort bis zu seinem Tod eine äußerst unscheinbare Existenz als Handelskorrespondent. Pessoa schrieb für die Truhe. Sein literarischer Nachlaß, der 27543 Manuskripte umfaßt, enthält Lyrik, dramatische Skizzen, politische, soziologische und essayistische Schriften.