Das Glück der Fülle

Die antiken Philosophen, Sokrates, Platon, Aris­toteles, Seneca, die alle schon vom Glück spra­chen, eudaimonía im Griechischen, beatitudo im Lateinischen, schrieben ihm vor allem Dauerhaf­tigkeit zu. Das bloße Wohlfühlglück konnten sie damit nicht gemeint haben. Gerade bei Epikur, dem angeblichen »Lust­molch« unter den Philosophen, sind signifikante Aussagen über Lust und Schmerz zu finden (Brief an Menoikeus, 129): »Nicht jede Lust wählen wir.« »Nicht je­den Schmerz meiden wir.« Glück, so ist damit gemeint, geht nicht darin auf, nur eine Seite des Lebens, nämlich die des Angenehmen, Lustvol­len und »Positiven«, anzuerkennen und allein zu betonen. Das größere Glück, das Glück der Fülle, umfasst immer auch die andere Seite, das Unangenehme, Schmerzliche und »Negative«, mit dem, zurechtzukommen ist. Niemand sucht dieses Andere, aber auszuschließen ist es nicht. Im besten Fall ist es zu mäßigen, und die beste Voraussetzung dafür ist, das Andere des Lebens in seinem Recht auf Existenz grundsätzlich an­zuerkennen.

 

Abhängig ist dieses Glück der Fülle allein von der geistigen Haltung zum Leben, die ein Mensch einnimmt und im Laufe der Zeit im Denken ein­übt, ausgehend von der Überlegung, was denn das Eigentümliche des Lebens durch all seine Phänomene und Unwägbarkeiten hindurch ist: Ist es nicht die Polarität, die Gegensätzlichkeit und Widersprüchlichkeit, die sich in allen Dingen und Erfahrungen zeigt? Das moderne Welt- und Menschenbild ging davon aus, dass alles »posi­tiv« sein kann, aber es ist nun mal so, dass es »negative« Dinge gibt, die nicht verschwinden, unabhängig davon, wie viele Schönheitsoperati­onen unternommen, Medikamente erfunden, po­litische Maß­nah­men ergriffen werden. Hartnä­ckig fordert das Leben seine Polarität ein, etwa beim modernen Versuch zur Ausschaltung von Lebensrisiken, mit der Folge, dass Menschen wil­lentlich nach riskanten Unternehmungen (Aben­teuerurlaub) suchen, da ein Grundmaß an Risiko offenkundig nicht unterschritten werden kann. Sodass der Einzelne sich fragen könnte: Ist es mir möglich, die Polarität des Lebens zu akzeptieren, nicht in jeder ihrer Erscheinungsformen, aber in ihrer Grundstruktur? Kann ich einverstanden sein mit dem gesamten Leben? Wie lebe ich mit dem Negativen an mir selbst und in meinem Le­ben? Erscheint das Leben in all seiner Polarität dennoch von Grund auf schön und bejahenswert? Dann kann ich mich eingebettet wissen in einen größeren Zusammenhang, in dem das Eine wie das Andere Platz hat. Mit einer Dankbarkeit gegenüber dem Leben und einer Freude, die nicht darauf beruht, nur die positive Seite des Lebens wahrhaben zu wollen.


Das erfüllte Leben ist dann gleichsam das Atmen zwischen den Polen des Positiven und Negativen: Mit dem, was gut tut, neuen Atem zu schöpfen, gerade in einer problematischen Zeit, in der das Leben eng wird – und auf einer Höhe des Lebens darauf vorbereitet zu sein, dass es noch andere Zeiten geben wird. Die gesamte Weite der Er­fahrungen zwischen Gegensätzen vermittelt erst den Eindruck, wirklich zu leben und das Leben voll und ganz zu spüren. Wodurch sollte dieses Glück jemals in Frage gestellt werden? Was zur Fülle des Lebens beiträgt, bestärkt dieses Glück, geschwächt wird es durch die Verein­seitigung der Erfahrung, meist nach der Seite des Angenehmen hin, die am ehesten festzuhalten versucht wird. Dieses Glück ist umfassender und dauerhafter als alles Zufallsglück und Wohlfühlglück; es ist das eigentlich philosophische Glück, nicht ab­hängig von günstigen oder ungünstigen Zufällen, von den momentanen Schwankungen zwischen Wohlgefühl und Un­wohl­sein, vielmehr die immer aufs Neue zu findende Balance in aller Polarität des Lebens, nicht unbedingt im jeweiligen Au­genblick, sondern durch das gesamte Leben hin­durch: Nicht nur Gelingen, auch Misslingen; nicht nur Erfolg, auch Misserfolg; nicht nur Lust, auch Schmerz; nicht nur Gesundheit, auch Krankheit; nicht nur Fröhlichsein, auch Traurigsein; nicht nur Zufriedensein, auch Unzufriedensein. Nicht nur erfüllte, sondern auch leere Tage, denn hun­dert Tage, die als leer und langweilig empfunden werden, sind vollkommen gerechtfertigt für einen einzigen der überbordenden Fülle.

Den entscheidenden Schritt zu diesem Glück macht ein Mensch mit der Festlegung seiner Hal­tung selbst. Dann kann er mit dem Leben mitflie­ßen. Aus gutem Grund galt Glück schon in der an­ti­ken stoischen Philosophie (Stoicorum veterum fragmenta, III, 16) als eúroia bíou, als »guter Fluss des Lebens«. Was im Stoischen vor allem als Mitfließen mit einer vorgegebenen Natur des eigenen Selbst gemeint war, kann auch als Hin- und Herfließen wie bei einem Meer und seinen Gezeiten verstanden werden, auch als ein Mitge­rissenwerden und Hingerissensein (wenngleich das nicht sehr stoisch ist), in manchen Situati­onen sogar ein Zerfließen, flow in einer populär gewordenen Psychologie des Glücks im ausge­henden 20. Jahrhundert: Das Selbst überlässt sich dabei ganz und gar einer Sache, einer Situation, einem anderen Menschen, gibt sich in Passivität oder Aktivität selbst­vergessen dem Leben hin, vollkommen erfüllt von den reichen inneren Res­sourcen des Fühlens und Denkens, die dabei frei werden, fern von den äußeren Scharmützeln, die um knappe Ressourcen etwa der Aufmerksam­keit geführt werden. Die Zeit, ohnehin vielleicht nur eine menschliche Erfindung, wird nicht mehr wahrgenommen: »Dem Glücklichen schlägt kei­ne Stunde.« Die Wirklichkeit sinkt zu einer Mög­lichkeit unter vielen herab. Und doch ist auch diese Erfahrung nur ein Moment; der »gute Fluss des Lebens« strömt breiter dahin und lädt zum Mitschwim­men mit dem gesamten Strom von Wirklichkeit und Möglichkeit ein, zuweilen auch gegen ihn, schon aus Übungsgründen, um ein guter Schwimmer zu bleiben.

Keines der genannten »Glücke« ist verzichtbar, das dritte Glück aber, das einzige, das dauerhaft sein kann, gilt es in modernen, vom Angenehmen verwöhnten Zeiten erst wieder zu entdecken. Zufallsglück und Wohlfühlglück beruhen auf vereinzelten Erfahrungen, kleinen und größeren Episoden, sodass von einem episodischen Glück die Rede sein kann, das zufällig geschieht und sich gelegentlich zeigt. Es ist abhängig davon, dass Men­schen im richtigen Moment offen dafür sind, für einen Augenblick, von dem sie sich wün­schen würden, dass er bleibt, ohne doch böse sein zu dürfen darüber, dass er vergeht – denn umso lieber kehrt er wieder, und zum Bleiben zu zwin­gen ist er ohnehin nicht. Das Glück der Fülle ist demgegenüber ein anhaltendes, auch ein zurück­haltendes Glück, das die Zeiten übergreift und von Dauer ist, ein epochales Glück, das erst mög­lich wird durch die Einbeziehung all dessen, was die Fülle des Lebens ausmacht. Wer von diesem Glück etwas Spektakuläres erwartet, wird wohl enttäuscht sein: Es ist nichts Besonderes. Schwer zu erreichen ist es vor allem dadurch, dass im­merzu nach dem Besonderen und Spektakulären gesucht wird. Nicht immer ist das zugehörige umfassende Bewusstsein im jeweiligen Moment präsent, daher ist das Glück der Fülle zuweilen erst in der Erinnerung erfahrbar: Mit dem Blick aus der Distanz, für den sich das Leben zum Zu­sammenhang fügt, mit all den lichten Stellen und Schat­tierungen, die den Reichtum eines erfüllten Lebens zwischen Geburt und Tod ausmachen.

Keine Frage, dieses dritte Glück, das Glück der Fülle, ist die einzige irdische Möglichkeit, die Erfüllung der Verheißung des Evangeliums nach Johannes 10,10 zu erleben: Das Leben »in Fülle« zu haben. Mit diesem Wort »in Fülle«, perissón im Griechischen, hat es jedoch eine besondere Be­wandtnis, denn einerseits ist damit etwas gemeint, das über das gewöhnliche Maß hinausgeht, hier bezogen auf das Leben: Übergroß, überviel, über­reich, ungewöhnlich, außergewöhnlich. Aber der Begriff ist an der Grenze zum Problematischen angesiedelt, denn gerade das Übermaß ist in Gefahr, zum Überdruss zu werden. Das ist die andere Bedeutung von perissón: Allzu groß, vermes­sen, übertrieben, ins Unnötige, Unnütze, Überflüssige, Entbehrliche kippend. Daraus folgt, dass auch das Glück der Fülle eine Gefahr in sich birgt: Allzu vermessen dürfen die Ansprüche auch an dieses Glück nicht sein. Es wird wohl zu akzep­tieren sein, dass ein Mensch in seiner Endlichkeit zwar an der Fülle des Lebens teilhaben kann, die gesamte Fülle aber in einer anderen Dimension, der Dimension der Unendlichkeit, zu finden ist. Dem Menschen bleiben vom Glück immer nur Fragmente, Stücke des Glücks: Vom Zufallsglück sowieso, ebenso vom Wohlfühlglück, dessen Frag­mente Momente sind, und fragmentarisch bleibt eben auch das Glück der Fülle.
Dies vorausgesetzt, ist ein Mensch mit dem Glück der Fülle dennoch in der Lage, eine Beziehung zur Fülle des Unend­lichen, Göttlichen zu unterhalten, einen »guten Dämon« in sich zu haben, wie dies der griechische Begriff eudaimonía schon in sich birgt. Dieser »gute Geist« kommt in Heiterkeit und Gelassenheit am besten zum Ausdruck. Die Heiterkeit ist eine geistige Haltung, die der Fröh­lichkeit ebenso viel Bedeutung zumisst wie der Traurigkeit. Die Gelassenheit ermöglicht das Ge­währenlassen auch des Abgründigen und Wider­sprüchlichen, der Angst im Kontrast zum Freisein von ihr, des Schmerzes im Kontrast zur Lust, des Leids im Kontrast zur Freude, des Todes im Kon­trast zum Leben. Sich der grundlegenden Tragik von Leben und Welt nicht zu entziehen, darin jedoch auch nicht unterzugehen: So entsteht die Heiterkeit, die mit der Gelassenheit zur »heiteren Gelassenheit« verschmilzt.

Heiterkeit ist das Signum eines Lebens in der Ba­lance, eines »symmetrischen Lebens«, wie Demokrit, der Begründer des philosophischen Begriffs der Heiterkeit (euthymía im Griechi­schen), im 5./4. Jahrhundert v. Chr. dies nannte. Das sym­me­trische Leben versucht, Gegensätze auszuta­rieren, etwa die Beschleunigung durch Verlang­samung, Unduldsamkeit durch eine neue Geduld, Veränderung durch Beharrung, das bloße Wohl­fühlglück durch ein umfassenderes Glück der Fülle. Die Symmetrie, die Ausgeglichenheit und Ausgewogenheit, lässt sich in aller Regel jedoch nicht synchron, nicht im Moment, sondern eher diachron, durch die Zeit hindurch erreichen. Sehr wohl kennt sie Ausschläge der Waage nach der einen oder anderen Seite hin, die jedoch mit der Zeit gegeneinander aufgewogen werden, sodass die Polarität des Lebens zu ihrem Recht kommt. Heitere Gelassenheit ist das Bewusstsein davon, dass in allem, was ist, auch noch etwas anderes möglich ist; dass Höhen und Tiefen sich abwech­seln wie Tag und Nacht, wie Ein- und Ausatmen; dass dies der Takt des Lebens ist, das aus der Po­larität in allen Dingen seine Spannung bezieht. So kann es zum symmetrischen Leben kommen, des­sen Ausdruck Harmonie sein mag, jedoch eine, die voller Spannung ist, bis hin zu einem Glück, das unvereinbare Gegensätze in sich zusammenspannt. Es schließt auch die Kontrasterfahrung der Verzweiflung nicht aus, durch die das Leben immer wieder hindurch muss. Aber es verhindert die verzweifelte Verzweiflung, die auf Dauer je­den Halt im Leben unterminiert. Dieses Glück umfasst sogar das Unglücklichsein.

 

Aus dem Buch Glück von Wilhelm Schmid

 

 

 

 

Wilhelm Schmid, geboren am 26. April 1953 in Billenhausen / Bayerisch-Schwaben) ist ein deutscher Philosoph mit dem Schwerpunkt auf dem Gebiet der Lebenskunstphilosophie.

Nach einer Kindheit und Jugend in bäuerlicher Umgebung, einer Lehre als Schriftsetzer und vier Jahren bei der Bundeswehr holte Wilhelm Schmid am Augsburger Bayernkolleg 1980 das Abitur nach. Von 1977 bis 1980 war er in Augsburg Vorsitzender der dortigen Jungdemokraten, der damaligen Jugendorganisation der FDP. 1980 begann er ein Studium von Philosophie und Geschichte an der Freien Universität Berlin, der Pariser Sorbonne und der Universität Tübingen, das er 1991 mit einer Doktorarbeit über Michel Foucault abschloss. Wilhelm Schmid lebt seit 1980 als freier Philosoph in Berlin. Zudem lehrt er Philosophie als außerplanmäßiger Professor an der Universität Erfurt.