Gottes Sohn, o wie lacht . . .

Texte zur Weihnachtszeit - Weihnachtslieder - Ijoma Mangold - Geschenke
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. Luis Llerena

Gottes Sohn, o wie lacht . . . von Ijoma Mangold

Weihnachtslieder sind die ersten unverständlichen Texte, die wir als Kinder kennenlernen. Später wissen wir: Sie sind einfach schön. Und es ist gut, dass wir sie noch immer nicht begreifen.

Weihnachtslieder sind der letzte allgemein verbindliche Bildungskanon. Gewiss gibt es Textschwächen, nicht jeder kann (oder mag) mitsingen, aber bei allen rufen Weihnachtslieder Erinnerungen hervor. Sie sind der unmittelbarste emotionale Kurzschluss zur Kindheit. Tiefer kann Erinnerung nicht sitzen.

Sie wirken wie Traubenzucker, der sofort in die Blutbahn geht. In ihnen ist entwicklungspsychologisch eine affektive Offenheit bewahrt, wie sie nur Kinder haben, an die Erwachsene aber, egal, wie zugeknöpft und herrisch sie sonst durch die Gesellschaft schreiten, wieder anknüpfen, sowie irgendwo „Vom Himmel hoch, da komm ich her erklingt“.

Deshalb stehen sie unter Kitschverdacht, weil die Rührung sich immer ein bisschen wie auf Knopfdruck einstellt. Und Sentiment-Management ist ja auch eine heikle Sache: Einerseits wünscht man sich mehr Weichheit und Berührbarkeit, die einem andererseits aber als ausformuliertes Postulat sogleich verlogen und phrasenhaft vorkommt. Alle Katharsis-Effekte haben etwas Unwillkürliches, aber das Konditionierte einer Gefühlsreaktion weckt das Misstrauen des aufgeklärten Verstandes: Wenn man beim Läuten des Weihnachtsglöckchens aufseufzt, ist man doch schon ziemlich in der Nähe von Pawlows Hund, der zu sabbern begann, sobald seine Futterglocke bimmelte. Gefühl ja, aber bitte keine Manipulation! Deshalb steht das Weihnachtslied in Ehren, wo unschuldige Kinderstimmen es singen, als Werbe-Jingle hingegen steht es in Verruf.

Das Komische an Weihnachtsliedern aber ist, dass man als Kind kaum etwas von ihren Texten verstanden hat. Man hat sich an ihrer Dunkelheit aber auch nicht gestoßen. Auf die meisten Verszeilen konnte man sich beim besten Willen keinen Reim machen. Manchmal lag es an altertümlichen Worten. Öfter an der verqueren Satzstellung wie in dem Klassiker: "Gottes Sohn, o wie lacht". Ständig war man mit wiederkehrenden Einsprengseln seltsam fremder Sprachen konfrontiert: Hier ein bisschen Latein ("In dulci jubilo"), dort ein bisschen Griechisch ("Kyrieeleison"). Und immer wieder geradezu dadaistische Anrufungen, die dunkler daherkamen als Zaubersprüche: "Eia, eia, susani, susani, susani!" Was nur hatte diese Susanne da plötzlich verloren, die Mutter von Jesus hieß doch Maria?

Aber man hat es mit einem Ernst heruntergesungen, als hätte das schon alles seine Richtigkeit. Vielleicht ist es gerade dieser Schutzmantel aus mysteriösen Metaphern, der Weihnachtslieder vor der Entzauberung bewahrt. "Als das Kindlein durch den Wald getragen / Da haben die Dornen Rosen getragen": Erklären Sie das mal bitte einem Siebenjährigen – wo doch, wenn überhaupt, Rosen Dornen haben, nicht umgekehrt!

Andere Kinderlieder mit ihrer transparenten Semantik fallen irgendwann unweigerlich der Lächerlichkeit anheim, nicht so die Weihnachtslieder.

Jetzt stellt man fest: Die Texte, die man am inwendigsten kennt, hatte man am wenigsten verstanden. Weihnachtslieder werden auf einer präsemantischen Ebene eingesogen wie die Muttermilch. Sie sind deshalb der primäre Sozialisationsort, an dem ein Kind den Umgang mit sprachlicher Fremdheit und Unverständlichkeit lernt. Das ist eine genuin ästhetische Erfahrung: Poesie ist das, was sich dem blanken Verstehen entzieht und dafür durch dunkle Schönheit weite Projektionsräume öffnet. Tatsächlich ist die ganze Theologie, die hinter dem Weihnachtsfest steht, viel zu komplex für die kindliche Fassungskraft. Schon das kategoriale Minimum, zwischen Weihnachtsmann, Christkind und Jesus zu unterscheiden, war nicht gegeben. Der eine kam zwar mehr "von drauß’ vom Walde" her, das andere hingegen "vom Himmel hoch", während der Dritte zwischen Ochs und Esel lag, aber in der kindlichen Fantasie verschmolz das alles zu einer feierlichen, Geschenke bringenden Dreifaltigkeit.

Ich erinnere mich (und man kann über dieses Thema eigentlich nur in der ersten Person Singular reden), dass ich sogar die zwei Engel aus dem Lied  Am Weihnachtsbaume die Lichter brennen, die in der zweiten Strophe zum Weihnachtstisch gehen "und beten und wenden wieder sich und gehn", für eine weitere, mithin vierte zwillingshafte Verkörperung des Christkinds hielt. Obwohl in dem Text davon nicht die Rede war, hatte ich keine Zweifel daran, dass die beiden zwischen dem Beten und dem Sich-wieder-Wenden Geschenke niedergelegt hatten – warum sonst sollten sie ausgerechnet zum Weihnachtstisch gehen, zum Beten gibt es viel bessere Orte?

Ich bin sicher: Was das "traute, hochheilige Paar" sein sollte in  Stille Nacht, Heilige Nacht, war mir als Kind nicht klar. Auch zerhackt die Melodie zuverlässig alle Sinnzusammenhänge. Die seltsamen Nachstellungen, "Hirten erst kundgemacht, durch der Engel Halleluja", waren auch eine harte Nuss.

Der Gipfel des Enigmas aber war . . .

 

 

 

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Ijoma Alexander Mangold,  geboren 1971 in Heidelberg, ist ein deutscher Literaturkritiker und Literaturchef der Wochenzeitung Die Zeit.


Als Sohn eines nigerianischen Vaters und einer deutschen Mutter, die in Schlesien geboren ist, wuchs Ijoma Mangold in Heidelberg auf. Er versteht sich als „gänzlich unfundamentalistischer Schlesienvertriebener der zweiten Generation.“ Sein Aussehen, mit dem er „erkennbar das Klassenziel der Nürnberger Rassengesetze verfehlt hätte“, habe er nur einmal zum Gegenstand eines anekdotisch gehaltenen Zeitungsartikels gemacht. „Es war in der Zeit, als die Parteien über die deutsche Leitkultur diskutierten.“  Als Jugendlicher las er sich dank des Bücherschranks seiner Mutter durch die Weltliteratur. Seine Lieblingslektüre wurde Marcel Prousts Werk Auf der Suche nach der verlorenen Zeit.

 

 

 

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