Die verfehlte Schöpfung - Emil M. Cioran

Emil Cioran - Die verfehlte (Einstellung zur) Schöpfung - Emil M. Cioran
Die verfehlte (Einstellung zur) Schöpfung - Emil M. Cioran

Die verfehlte Schöpfung - Emil M. Cioran

Oder die verfehlte (Einstellung zur) Schöpfung - Der Unbefreite

Je mehr wir die letzte Mahnung des Buddha bedenken: »Der Tod wohnt allen zusammengesetzten Dingen inne. Arbeitet ohne Unterlaß an eurem Heil«, desto mehr bestürzt uns die Unfähigkeit, uns als Aggregat zu fühlen, als vorübergehende, um nicht zu sagen: zufällige Begegnung von Elementen. Im Abstrakten ist es uns leicht, uns so zu verstehen; im Unmittelbaren lehnen wir körperlich diesen Gedanken ab als eine nicht assimilierbare Evidenz. Solange wir nicht über dieses organische Widerstreben gesiegt haben, werden wir diese Geißel erdulden: ihr Wesen ist jene Behexung, die man den Appetit des Existierens nennt.


Die Dinge entlarven, sie als bloßen Anschein brandmarken bedeutet nicht viel, denn wir geben dann zu, daß sie Sein enthalten. Wir klammern uns an was immer, solange wir uns nicht von jener Faszination losreißen müssen, der unser Tun, ja, unsere Natur selber entspringt, von jener ursprünglichen Blendung, die uns hindert, in allem die Nicht-Wirklichkeit zu gewahren.

Ich bin ein ›Sein« kraft einer Metapher: wäre ich wirklich eines, so würde ich es stets bleiben, und seiner Bedeutung entkleidet hätte der Tod keine Gewalt über mich. „Arbeitet ohne Unterlaß an eurem Heil“ - das heißt: vergeßt nicht, daß ihr eine flüchtige Zusammensetzung seid, ein Aggregat, dessen Bestandteile nur darauf warten, sich von einander zu trennen. Das Heil hat eigentlich nur Sinn, wenn wir bis zur Lächerlichkeit provisorisch sind: wohnte in uns das mindeste Prinzip der Dauer, wir wären seit jeher gerettet oder verloren: keine Suche mehr, kein Horizont. Wenn die Befreiung zählt, so ist unsere Unwirklichkeit ein wahrer Glücksfall.

 


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Wir sollten das Sein von allen seinen Attributen entkleiden, dafür sorgen, daß es nicht mehr eine Stütze ist, nicht mehr der Ort aller unserer Neigungen, die ewige beruhigende Sackgasse, das am tiefsten verwurzelte Vorurteil, an das man uns am meisten gewöhnt hat. Wir sind Komplizen des Seins oder dessen, was uns so scheint, denn es gibt kein Sein, es gibt nur Seins-Ersatz. Gäbe es ein wirkliches Sein, so müßte man sich ihm immer noch entreißen, da alles, was ist, zur Knechtung und zum Hemmnis drängt. Gewähren wir den andern den Status von Schatten; wir werden uns von ihnen desto leichter trennen. Wenn wir derart von Sinnen sind, daß wir an ihre Existenz glauben, so setzen wir uns den ärgsten Enttäuschungen aus. Wir sind gut beraten, wenn wir einsehen, daß alles, was uns widerfährt, alles Ereignis, jede Bindung unwesentlich ist. Wenn es ein Wissen gibt, so kann es uns den Vorzug vermitteln, uns unter Phantasmen zu bewegen.

Auch das Denken ist Vorurteil und Hemmnis. Es befreit nur am Anfang, wenn es uns erlaubt, gewisse Fesseln zu zerreißen; hernach vermag es nur noch unsere Energien zu binden und unsere schwächlichen Befreiungswünsche zu lähmen. Daß es uns in keiner Weise helfen kann, unser Glücksgefühl, wenn wir mit Denken aussetzen, beweist es zur Genüge. Genau wie die Begierde, der es verwandt ist, nährt das Denken sich von der eigenen Substanz, will sich manifestieren, vervielfachen: notfalls mag es zur Wahrheit streben, aber was das Denken definiert, ist die Betriebsamkeit: wir denken aus Lust am Denken, wie wir aus Lust an der Begierde begehren. In beiden Fällen ist es ein Fieber unter Fiktionen, ein Überbeschäftigtsein inmitten des Nichtwissens. Derjenige, der weiß, hat sich von allen Fabeln getrennt, die die Begierde und das Denken schaffen, er hat sich aus dem Stromkreis ausgeschaltet, er willigt nicht mehr in den Trug ein. Denken nimmt teil an der unerschöpflichen Illusion, die zeugt und sich verzehrt, die giert, sich zu verewigen und sich zu zerstören: denken, das heißt mit dem Delirium im Wettbewerb treten. Bei so viel Fieber sind nur die Pausen sinnvoll, in denen wir atmen, die Momente des Innehaltens, in denen wir unser Keuchen beherrschen: die Erfahrung der Leere - sie fällt mit der Gesamtheit dieser Pausen, dieser Zwischenräume des Deliriums zusammen - setzt die momentane Abschaffung der Begierde voraus, denn diese Begierde ist es, die uns ins Nicht-Wissen taucht, uns zum sinnlosen Gerede führt und uns anstachelt, um uns Sein zu säen.


Die Leere ermöglicht uns, die Idee des Seins zu ruinieren; sie selber ist aber nicht in diesen Ruin mitgerissen; sie überlebt einen Angriff, der für jede andere Idee selbstzerstörend wäre. Allerdings ist sie nicht eine Idee, sondern das, was uns hilft, uns von jeder Idee zu befreien. Jede Idee bedeutet eine weitere Bindung; man muß den Geist davon säubern, wie man jeden Glauben ausräumen muß, als Hindernis im Verzicht. Das werden wir nur erreichen, wenn wir uns über die Operationen des Denkens erheben: solange das Denken sich ausübt, solange es wütet, hindert es uns, die Tiefen der Leere zu entwirren, die nur dann wahrnehmbar sind, wenn das Fieber des Geistes und der Begierde sich legt.


Da jedweder Glauben von Natur aus oberflächlich ist und nur auf den Anschein wirkt, folgt, daß die verschiedenen Überzeugungen auf dem gleichen Niveau sind, dem gleichen Grad von Unwirklichkeit. Wir sind gebaut, mit ihnen zu leben, wir sind dazu genötigt: sie bilden die Elemente unserer gewöhnlichen, täglichen Verdammnis. Gelingt es uns daher, sie zu durchschauen und fortzufegen, so treten wir ins Unerhörte ein, in eine Ausweitung, im Vergleich zu der alles andere bleich und episodisch erscheint, selbst dieser Fluch. Unsere Grenzen weichen zurück, sofern wir überhaupt noch welche haben. Die Leere - das Selbst ohne das Selbst - ist die Liquidierung des Abenteuers des »Ich«, es ist das Sein ohne jede Spur von Sein, ein seliges Untergehen, eine unvergleichliche Katastrophe.


(Die Gefahr ist, aus der Leere einen Ersatz des Seins zu machen und sie daher ihrer wesentlichen Funktion zu berauben, welche die Mechanismen der Bindung stören. Wird sie aber selber Gegenstand der Bindung, wäre es dann nicht besser gewesen, sich ans Sein und den ganzen Zug der Illusionen, der ihm folgt, zu halten? Um unsere Bindungen zu überwinden, müssen wir lernen, uns an nichts zu klammern, es sei denn ans Nichts der Freiheit.)

 

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Emil M. Cioran, geboren am 8. April 1911 in Rășinari in Siebenbürgen, damals Österreich-Ungarn, heute Rumänien; gestorben am 20. Juni 1995 in Paris, war ein rumänischer Philosoph und einer der bedeutenden Aphoristiker des 20. Jahrhunderts. Der seit 1937 in Frankreich lebende E. M. Cioran war Dichterphilosoph, „Privatnachdenker“ und Meisterstilist der rumänischen und französischen Sprache. Er gilt manchen als bedeutendster Skeptiker und radikalster Kulturkritiker des 20. Jahrhunderts.


Emil Cioran wurde als zweites Kind des orthodoxen Priesters Emilian und seiner Gattin Elvira Cioran in Rășinari (dt.: Städterdorf) geboren, einer kleinen Ortschaft zwölf Kilometer südlich von Hermannstadt im multiethnischen Transsilvanien, das damals zu Ungarn gehörte.

 

 

Die verfehlte (Einstellung zur) Schöpfung - Emil M. Cioran