Anne Carson - Decreation

Texte zur Weihnachtszeit - Anne Carson - Decreation
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. Israel Sundseth

Anne Carson - Decreation

"Entschöpfung", schreibt Simone Weil in ihren privaten Aufzeichnungen, ist "Geschaffenes überführen ins Ungeschaffene." Und dies ist nicht gleichzusetzen mit Zerstörung: Geschaffenes überführen ins Nichts. Decreation meint: sich selbst aus dem Weg schaffen. Denn das Selbst steht sich selbst im Weg, wenn es darum geht, zu Gott zu gelangen. In der Ekstase - der der Liebe oder der religiösen - wird die Seele aus ihrem eigenen Sein herausgehoben und läßt sich selbst zurück. Das ist die absolute Waghalsigkeit der Liebe.


Die Oper DECREATION ist ein Triptychon. Sie erzählt von drei Frauen, die in der Kunst der Entschöpfung bis zum Äußersten gehen: Eine Studie über die Liebe, den Hass, die Ängste und Sehnsüchte von drei außergewöhnlichen Frauen, die nach dem Göttlichen streben und in Gott schwelgen.

 

 

TROTZ IHRER SCHMERZEN, NOCH EIN TAG

 

Die Nebel vom Fluss (7 Uhr früh) treiben und heben an, erzittern und heben an
auf den Mühlsteinen des September.
Gespiegel von Blattstücken. Ich bin zu meinem Verstand gekommen.
Anhaltspunkt (7 Uhr abends): sie nimmt die Medikamente und ich gehe am Fluss
spazieren.
Mühlrad das nach nassen Maisschalen riecht.
Auf dem Rücken im Dunkeln (2.38 Uhr nachts), Motel Dorset, horche ich wie die
Heizung knackt
und wie sie wach liegt am anderen Ende der Stadt
in dem kleinen heißen Zimmer
ihren lumineszierenden Rosenkranz zwischen den Fingern.
Egal was es heißt über die Zeit, das Leben geht nur in eine Richtung,
das ist eine Tatsache, und sie spiegelt.
Die Nebel vom Fluss (7 Uhr früh) gehen gehäutet und silbrig
im dunklen Morgengrauen
am Tag, als ich fahre.
ACHTUNG ANKER WERFEN UND LICHTEN UNTERSAGT
sagt ein Schild dicht bei der Webkante.
Beklemmnis schluckt uns.
Sie auf dem Bett wie gekrümmte Zweige.
Ich, wie immer, nicht da.

 

Decreation: Gedichte, Oper, Essays

 

Anne Carson ist eine der große Lyrikerinnen der Gegenwart, eine Meisterin, deren oszillierende Kreativität weit ausgreift: von Gedicht zu Essay, von Oper zu Ballett findet sie Gesten, um die Gegenwart zu bannen. Sappho, Simone Weil, Monica Vitti – mit ihnen führt Anne Carson Telefonate: Stimmen und Ideen erreichen sie über eine Spanne von Jahrhunderten und auch nur Tagen. Ihre Fragen bringen alle Gewissheiten ins Wanken: das Selbst, die Form, die Identität, das Geschlecht. Im Erforschen dieser Fragen entsteht eine zartes und widerständiges Gewebe aus Bildern, Worten und Gedanken, das seit Jahrzehnten die Bewunderung der Leser und Dichter auf sich zieht: »unbestechlich« (The New York Times).

 

Anne Carson, geboren am 21. Juni 1950 in Toronto, ist eine kanadische Dichterin, Essayistin, Übersetzerin und Klassische Philologin. Sie lebte einige Jahre in Montreal und lehrte von 1980 bis 1987 an der McGill University, der University of Michigan, und der Princeton University. 1998 bekam sie ein Guggenheim-Stipendium und wurde im Jahr 2000 mit dem MacArthur Fellowship ausgezeichnet. Außerdem gewann sie einen Lannan Literary Award.