Apple bite - Erkenntnis und Blindheit

Vielleicht ist es schade, aber es ist unbestreitbar, dass »Sätze nichts Höheres ausdrücken (können)«. Mehr noch: »Wir fühlen, dass selbst, wenn alle möglichen wissenschaftlichen Fragen beantwortet sind, unsere Lebensprobleme noch gar nicht berührt sind.« „Die Gesamtheit der wahren Sätze ist die gesamte Naturwissenschaft”

Apple bite – über Verlust und Gewinn „Demnach verhält sich die vom Menschen tatsächlich erlangte Erkenntnis des Guten und Bösen zu der erhofften wie die bittere Enttäuschung zu der vorhergehenden Illusion

Apple bite – über Verlust und Gewinn

„Demnach verhält sich die vom Menschen tatsächlich erlangte Erkenntnis des Guten und Bösen zu der erhofften wie die bittere Enttäuschung zu der vorhergehenden Illusion.


Erkenntnis und Blindheit

GEN. Den Namen Baum der Erkenntnis von Gut und Böse erhält der Baum in Gen 2,9 im Vorgriff auf das Versprechen, das die Schlange Adam und Eva macht: „Sobald ihr davon esst, gehen euch die Augen auf; ihr werdet wie Gott und erkennt Gut und Böse“. Damit ist aber gerade nicht, „ein übermenschliches, an Allwissenheit grenzendes Erkennen [...], wie man es dem ‚Engel Gottes‘ zuschrieb“, gemeint. Vielmehr bedeutet die gewonnene ‚Erkenntnis’ den Verlust der Einsicht der göttlichen Weisheit zugunsten eines bloßen irdischen Vielwissens, wie es in dem animalischen „Tierfell“ zum Ausdruck kommt. „In der Struktur dieses Wortes [erwa = Scham, Schande] ist der Begriff ‚or’, Fell, aber auch ‚iwer’, blind, zu erkennen, denn ‚erwa’ hat mit ‚Blindheit’ zu tun.“


Zunächst scheint es, als behalte die Schlange Recht, denn den Menschen gehen, nachdem sie von den verbotenen Früchten gegessen haben, tatsächlich „die Augen auf“, doch sie sind nicht geworden wie Gott, sondern erkennen, „dass sie nackt“ sind. Im Hebräischen liegt hier ein Wortspiel vor zwischen עירם (°êrom = nackt) und ערום (°ârûm = schlau), wie die Schlange genannt wurde. Statt der versprochenen Gottgleichheit erkennen die Menschen ihre Armseligkeit und Bedürftigkeit, das heißt ihre Sterblichkeit.


Paulus hofft, bei seinem Ableben (als ‚Auswandern aus dem Leib’) „nicht nackt erscheinen“ zu müssen, sondern bekleidet „mit dem himmlischen Haus“, „damit so das Sterbliche vom Leben verschlungen werde“. Für das Gehen des Weges in der endlichen Welt ist die ‚Sehkraft’ der Hoffnung für das Unsichtbare und Ewige von entscheidender Bedeutung (Sinn des Lebens). Diese Sehkraft überwindet die ‚falsche Imagination‘ der ‚Begierde der Augen‘ oder die Fehlformen der Hoffnung: die Ver-zweiflung (als Vorwegnahme der Nicht-Erfüllung im Endlichen) einerseits und die Vermessenheit oder Hybris (als Glaube, sich selbst die Erfüllung des Lebens im Endlichen verschaffen zu können) andererseits.


Als Motive für das Essen von den verbotenen Früchten sind aus Gen 3,5f. erkennbar:


  • das durch die Schlange gesäte Misstrauen gegenüber Gott (Unglaube),
  • der Zweifel an dessen Güte und Menschenliebe,
  • das Verlangen nach einem nur Gott zukommenden Wissen (Hybris).


H. Junker sieht das so: „Demnach verhält sich die vom Menschen tatsächlich erlangte Erkenntnis des Guten und Bösen zu der erhofften wie die bittere Enttäuschung zu der vorhergehenden Illusion.

Diese Fruchtbarkeitskräfte des Irdischen bringt auch das Symbol der Schlange zum Ausdruck. Es bedeutet die endlose Entwicklung im Materiellen, aber in geistiger Blindheit - ohne Hoffnung auf Unsterblichkeit und damit im Verlust der Lebensfülle. Ohne die ‚Sehkraft der Hoffnung und des Glaubens verliert der Mensch das ihm zugedachte Paradies und den Zugang zum Baum des Lebens, der ihm erst wieder mit dem ‚Sieg’ des Glaubens an die Offenbarung offen steht (Offb 2,7).

Genesis



A. B. Jacques Lacan erinnert uns daran, dass in der Sexualität in Wirklichkeit jeder großteils mit sich selbst zu tun hat, wenn ich so sagen darf. Es gibt natürlich die Vermittlung des Körpers des anderen, aber letztlich wird das sexuelle Genießen immer das eigene sein. Das Sexuelle verbindet nicht, es trennt.


Dass Sie nackt und an den anderen geschmiegt sind, das ist ein Bild, eine bildliche Vorstellung. Das Reale ist das Genießen, das Sie weit, sehr weit vom anderen wegführt. Das Reale ist narzisstisch, die Verbindung ist imaginär. Also folgert Lacan, dass es keine sexuelle Beziehung gibt.


Wenn es keine sexuelle Beziehung in der Sexualität gibt, dann ersetzt die Liebe die fehlende sexuelle Beziehung. Lacan sagt eben nicht, dass die sexuelle Beziehung sich als Liebe verkleidet, sondern er sagt, dass es keine sexuelle Beziehung gibt, dass die Liebe das ist, was an die Stelle dieser Nicht-Beziehung tritt. Das ist viel interessanter. Diese Vorstellung führt ihn zur Behauptung, dass das Subjekt in der Liebe versucht, das „Sein des anderen” zu erreichen. In der Liebe geht das Subjekt über sich, über seinen Narzissmus hinaus.


Im Geschlechtlichen treten Sie letztlich in Beziehung zu sich selbst, vermittelt durch den anderen. Der andere dient Ihnen dazu, das Reale des Genießens zu entdecken. In der Liebe hingegen ist die Vermittlung durch den anderen an sich wertvoll. Darin besteht die Liebesbegegnung: Sie bestürmen den anderen, um ihn, so wie er ist, mit Ihnen existieren zu lassen.


Es handelt sich dabei um eine viel tiefere Auffassung als die völlig banale Vorstellung, dass die Liebe nur ein imaginärer Anstrich über das Reale des Geschlechtlichen sei.


Tatsächlich ist auch Lacan in den philosophischen Zwiespältigkeiten über die Liebe gefangen. Man kann die Aussage, dass die Liebe „die fehlende sexuelle Beziehung ersetzt”, auf zwei unterschiedliche Arten verstehen. Die erste, die banalere Interpretation ist, dass die Liebe die Leere der Sexualität imaginär ausfüllt. Denn es stimmt letztlich, dass die Sexualität, so wunderbar sie auch sein mag, in einer Art Leere enden kann. Deswegen unterliegt sie dem Gesetz der Wiederholung: Man muss immer wieder neu beginnen. Jeden Tag, wenn man jung ist! Die Liebe wäre dann die Vorstellung, dass etwas in dieser Leere bleibt, dass die Liebenden durch etwas anderes als durch diese Beziehung, die es nicht gibt, verbunden sind.


In sehr jungen Jahren hat mich eine Stelle in Simone de Beauvoirs Das zweite Geschlecht verblüfft, fast angewidert. Sie beschreibt dort das Gefühl, das den Mann nach dem Sexualakt beschleicht, dass der Körper der Frau schal und weich ist, und das symmetrische Gefühl der Frau, dass der Körper des Mannes abgesehen vom aufgerichteten Geschlecht im Allgemeinen unschön und sogar ein wenig lächerlich ist. Im Theater bringen uns der Schwank oder die Posse durch die Verwendung dieser traurigen Gedanken zum Lachen. Das Begehren des Mannes ist das des komischen Phallus, mit großem Bauch und Impotenz, und die alte zahnlose Frau mit hängenden Brüsten ist die tatsächliche Zukunft jeder Schönheit. Die Liebeszärtlichkeit beim Einschlafen in den Armen des/der Geliebten wirft einen Mantel über diese unangenehmen Gedanken. Doch Lacan denkt auch das genaue Gegenteil davon, nämlich dass die Liebe eine Tragweite hat, die man ontologisch nennen kann. Während sich das Begehren immer ein wenig fetischistisch auf Partialobjekte im Anderen wie die Brüste, den Hintern oder den Penis richtet, ist die Liebe gerade an das Sein des anderen gerichtet, an den anderen, wie er mit seinem Sein bewaffnet in mein Leben getreten ist und es damit zerbrochen und neu zusammengesetzt hat.

Alain Badiou



L.W. Jeder wird zustimmen, dass die Philosophie sich um die letzten Zwecke kümmert, um das, worauf es ankommt, darum, was für das Leben des Menschen wichtig ist. Die theoretische Tätigkeit im eigentlichen Sinn, also die, welche die Form von Sätzen annimmt (von sinnvollen, oder besser noch wahren Sätzen, also die Wissenschaft: „Die Gesamtheit der wahren Sätze ist die gesamte Naturwissenschaft”, befasst sich jedoch mit alledem nicht. Vielleicht ist es schade (vor allem für die, die in Wittgenstein einen Positivisten oder gar einen analytischen Philosophen zu finden glaubten), aber es ist unbestreitbar, dass »Sätze nichts Höheres ausdrücken (können)«. Mehr noch: »Wir fühlen, dass selbst, wenn alle möglichen wissenschaftlichen Fragen beantwortet sind, unsere Lebensprobleme noch gar nicht berührt sind.« In dem allgemeinen Bestreben, auf dem ihre Existenz beruht, unterscheidet sich die - unseren »Lebensproblemen« gewidmete - Philosophie wesentlich von jeder wissenschaftlichen oder theoretischen Figur. Sie ist der Autorität der Sätze und des Sinns entzogen und mithin der Form des Akts geweiht. Von diesem Akt existieren, einfach gesagt, zwei Typen. Der eine - infraszientifisch und absurd, weil er mit Gewalt das Nichtdenken unter die theoretischen Sätze beugen will - ist die philosophische Krankheit im eigentlichen Sinn. Der andere ist supraszientifisch und bejaht schweigend das Nichtdenken als »Berühren« des Realen. Das ist die authentische Philosophie, die eine Eroberung der Antiphilosophie ist.

Wittgenstein